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Nathalie Azoulai

AN LIEBE
STIRBT
MAN NICHT

Roman

Aus dem Französischen
von Paul Sourzac

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
»Titus n’aimait pas Bérénice«.
© 2015 P.O.L éditeur, PARIS

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Titus reginam Berenicen statim ab Urbe
dimisit invitus invitam
.

Titus schickte die Königin Berenike
sogleich aus Rom fort,
gegen seinen und gegen ihren Willen.

SUETON, LEBEN DES TITUS

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TITUS VERSCHLINGT sein Essen. Sein Hunger steht im direkten Verhältnis zur Energie, die ihm dieser Moment abverlangt. Bérénice rührt ihr Essen nicht an. Sie verharrt reglos, den Blick starr auf ihren Teller gerichtet. Dann weint sie. Er nimmt sie in den Arm. Sie will gehen, er hält sie zurück. Was bin ich bloß für ein Monster?, sagt Titus und wischt ein letztes Mal die Tränen derjenigen weg, die er so sehr geliebt hat, aber seine Entscheidung steht fest. Titus liebt Bérénice und verlässt sie.

Titus verlässt Bérénice, um nicht Roma zu verlassen, seine rechtmäßige Ehefrau, die Mutter seiner Kinder. Titus liebt Roma schon lange nicht mehr, aber sie ist mutig, beherzt, verständnisvoll, um also nichts umzustürzen, nichts zu zerstören, geht Titus auf Roma zu und sagt, nimm mich zurück, und Roma, die es nicht ertragen könnte, wenn er das Schloss ihrer gemeinsamen Jahre einfach aufgäbe, nimmt ihn zurück.

Am Abend, an dem Titus sie verlässt, kann sich Bérénice nicht mehr auf den Beinen halten. Sobald sie zu Hause ist, legt sie sich hin. Doch selbst im Liegen hat sie das Gefühl, auf Stelzen zu schwanken. Alles dreht sich, und plötzlich dreht es ihr den Magen um. Aber sie schafft es nicht, sich zu übergeben. Sie legt sich wieder hin, und da kommt die Übelkeit zurück, von noch weiter her, aus einer tiefer liegenden, dumpferen Bauchgegend, die sich sonst nicht bemerkbar macht, nicht an die Oberfläche gelangt. Noch weiß sie nicht, dass Bitterkeit die Schwester der Galle ist, aber sie begreift, dass die Tiefen des Körpers und der Seele am selben Ort angesiedelt sind. Titus’ Verrat ist ein schwarzer Fleck auf ihrer Haut. »Adam war vor der Sünde ein Diamant, und nach der Sünde wurde er zu einem Stück Kohle«, schreibt Saint-Cyran, Gesinnungsfreund von Cornelius Jansen.

MAN SAGT, um sich von Liebeskummer zu erholen, brauche es ein Jahr. Man sagt auch eine Menge andere Dinge, deren Banalität letztlich die Wahrheit verwässert.

Es ist wie eine Krankheit, es ist physiologisch, der Organismus muss sich regenerieren.

Eines Tages wirst du dich nur noch an die schönen Momente erinnern (das Dümmste, was sie je gehört hat).

Du wirst gestärkt daraus hervorgehen.

Du wirst nie wieder lieben, sagst du? Wart nur ab …

Am Ende wird alles gut.

Und so weiter.

Solche Sätze flattern ihr zu, bedecken sie und lullen sie ein. Um ehrlich zu sein, braucht sie dieses Genesungsgeplapper. Die vielen Zungen, die Mitgefühl ausdrücken, Allgemeingültiges kundtun, pragmatisches Vorgehen empfehlen, sind Blätter, auf die sie ihren elenden Körper betten kann. Und doch sehnt sie sich manchmal nach vollkommener Stille, nach einem Kreis von engsten Vertrauten, in dessen Mitte sie sich setzen würde, damit man sie ansähe und ihr einfach zuhörte, ohne ein Wort zu verlieren.

Und dann, eines Tages, als sie selbst einem Bekenntnis lauscht, das vielleicht auch eine Antwort auf ihr eigenes ist, hört sie: Im öden Orient wurd alles mir zur Qual!

Tiefe Stimme, verschwommener Blick, bebende Brust. Es ist anrührend und erschütternd. Es steht allein für sich und weitet sich zum Chor aus, diese Stimme ruft eine weitere, die eine weitere ruft, ad infinitum. Sie lächelt.

Als sie abends nach Hause kommt, sucht sie sämtliche in ihrer Bibliothek vorhandenen Stücke von Racine zusammen. Andromache, Phädra, Bérénice. Ihr fehlen welche, wie viele hat er geschrieben? Die anderen wird sie sich umgehend besorgen.

Sie findet zu einer Lebensart, einer klangvollen Routine, gewöhnt sich bestimmte Gesten an. Sie kocht sich eine Tasse Tee, liest stundenlang laut vor sich hin. Es fällt ihr nicht leicht, in Alexandrinern zu sprechen, aber sie gibt sich Mühe. Sie verschluckt die eine oder andere Silbe, weiß nicht immer, wann sie stumme Konsonanten aussprechen soll. Mit der Zeit macht sie Fortschritte, wird immer zufriedener mit dem Taumel, der in ihr und im Raum entsteht, sie mitreißt, ohne dass sie sich bewegen müsste. Wenn ihre Stimme ermüdet, kocht sie sich noch eine Tasse heißen Tee, den sie in kleinen Schlucken trinkt. Dann murmelt sie die Verse, denn ständig hat sie das Bedürfnis, mit den Lippen zu schnalzen, sie so in Bewegung zu halten, die Verse mit Luft und Fleisch in Berührung zu bringen. Augen reichen ihr nicht, sie muss die Verse kauen.

Das Genesungsgeplapper verändert sich. Zwischen die Lebensweisheiten schleichen sich nun Alexandriner, am Gymnasium oder sonst wo gelernt, Verse wie in der Comédie-Française, steif, altmodisch und fremd, so fremd, dass sie hin- und hergerissen ist zwischen dem Wunsch, in dieses ferne Land zu reisen, dessen Bewohner so sprechen, und dem Bedürfnis, sich darüber lustig zu machen und diese Verse mit derbem Gelächter zu überziehen, sie mit plumpen Betonungen zu zersetzen, mit umgangssprachlich verschliffenen Silben, die im krassen Gegensatz dazu stehen, sofern es zu einer solchen Sprache überhaupt einen Gegensatz gibt.

Je nach Tagesform zitiert sie: Gefangen und voll Gram, bin ich mir selbst verhasst; Verspürt man endlos Hass? Und straft man immerfort?, oder: Ach, alles wirkt drauf hin, mir Pein zu sein und Qual. Oder auch: Ich war lang ruhelos, durchstreifte Cäsarea. Sie findet immer einen Vers, der sich an die Konturen ihrer Launen schmiegt, Wut, Verlassenheit, Starre und Trübsinn … Racine ist ein Selbstbedienungsladen für Liebeskranke, verkündet sie, um dem Ernst entgegenzuwirken, der stets aufkommt, wenn sie solche Zitate ins Gespräch einstreut.

Racine hat nur zwölf Stücke geschrieben. Corneille hingegen dreiunddreißig, Molière ebenfalls um die dreißig. Zu dieser Zeit sind selbst zweitrangige Autoren äußerst produktiv. Aber Racine hat seine letzten beiden Tragödien nur geschrieben, weil er damit beauftragt wurde, sonst hätte er schon bei zehn aufgehört. Und nun die Fragen: Warum hat er so wenig geschrieben? Was hat er mit den restlichen Jahren seines Lebens angefangen? Rimbaud sagt über ihn, er sei der Reine, der Starke, der Große.

Dank Racine verzichtet sie schließlich auf ihre engsten Vertrauten. Gibt es überhaupt jemanden, der das laue Tröpfeln ihres banalen Kummers aufnehmen könnte? Diejenigen, die ihr am nächsten stehen, sind verschlissen. Sie selbst konnte früher, wenn sie anderen eine Vertraute war, nicht anders, als zu denken, dass der Kummerbericht ebenso langweilig ist wie der Traumbericht, dass einen nichts weniger betrifft. Die Form der Tragödie allerdings frustriert sie: Vierundzwanzig Stunden reichen nicht aus, um die Figuren in die brennende Arena des Vermissens zu werfen. Mit Ausnahme von Andromache. »Racine setzt seinen Ausgangspunkt so nah an seinen Endpunkt, dass ein winziger Bereich schon die gesamte Handlung enthält«, sagt der Literaturwissenschaftler Gustave Lanson. Sie führt sich diesen winzigen Bereich vor Augen, in dem Gefühlsausbrüche und Verwünschungen donnern, fühlt sich darin heimisch, aber sooft sie die Verse all dieser unglücklichen Heldinnen auch wiederholt, zu wahren Schwestern werden sie ihr nicht.

Ein Schauspielerfreund erklärt ihr, diese Sprache habe nichts mit der der anderen Klassiker gemein, sie sei einzigartig, er könne nicht erklären, warum, aber alle Schauspieler spürten es, wüssten es. Wegen der Musik? Ja, aber nicht nur.

Wenn sie Racine zitiert, wird sie plötzlich zu einer von Frankreichs Liebenden, die ihr Repertoire beherrscht, es deklamiert, abends die Verse weinend in ihrem Bett spricht, nachts, tagsüber, im Morgengrauen, wie es Tausende andere französische Frauen auch tun könnten. Ein Chor, so gewaltig, dass er sogar die Verse der männlichen Figuren verschlingt, die des Antiochus, des Pyrrhus, des Hippolytos, Verse, die ihr stets von und für eine Frau gesagt erscheinen. Das Licht ist reiner nicht als dieser Herzensschlag.

Sie lässt Halbverse in ihre SMS einfließen, nennt hochtrabende Namen als Treffpunkte, Cäsarea, Aulis, Troizene, die manchen Gesprächspartner sprachlos machen, während andere sich gern darauf einlassen, um noch besser, noch länger zu deklamieren, ganze Tiraden sogar, wobei sie gleichermaßen Verbundenheit und Distanz fühlt. Also nimmt sie sich in Acht, wittert übertriebene Theatralik und Gelehrtenpose, die Eitelkeit desjenigen, der Leidenschaft für das Absolute demonstrieren will, wo er lediglich imstande ist, dessen Kodex auswendig zu lernen. Racine kann auch zu Überheblichkeit verleiten.

Manchmal stellt sie Fallen. Vielleicht werd’ ich so lange leben, dass ich ihn einmal vergesse. Man fragt sie, wo sich dieser Vers findet, bemerkt, dass es kein Alexandriner ist, sie zählt an ihren Fingern ab, sagt, sie zitiere falsch, sie erinnere sich nicht mehr an den genauen Wortlaut, aber doch, natürlich sei das ein Alexandriner. Tatsächlich ist es ein Zitat von Orson Welles in Bezug auf Rita Hayworth, das sie ihrem neuen Korpus hinzufügt. Im Lauf der Tage sammelt sie die Bruchstücke jener Sprache zusammen, in der sie ihren Kummer ausdrücken will, einer von anderen, vor ihrer Zeit gesprochenen Sprache, in die sie mit einstimmen will. Sie könnte auch etwas von Duras einfließen lassen, eisige Sätze über verletzte, rasende Frauen, andere tragische Orte, Hiroshima oder Kalkutta, aber so weit geht sie nicht. Duras ist eine Frau des zwanzigsten Jahrhunderts, beharrlich, konsequent, ganz offensichtlich eine Schwester. Duras wird ihr in keiner Weise weiterhelfen.

Es ist kein Fieber mehr, das heimlich einst pulsiert, doch Venus’ ganzer Zorn, der nun nach Beute giert. Tag um Tag kreist sie um diese Verse wie der Adler über dem Feld. Die Beute wird schließlich eins mit den zwei Versen, als stamm-ten sie von ihr. Sie will verstehen, woher diese Wut, dieses rohe Verlangen kommt. Von den Griechen, den Römern, von damals, antwortet man ihr, alle haben so geschrieben. Nein, sagt sie, nicht nur.

Mach dir bloß keine falschen Vorstellungen!, warnt man sie, wenn sie sich fragt, wer dieser Kerl eigentlich gewesen ist, der die Liebe der Frauen so gut zu beschreiben wusste. Sie macht sich überhaupt keine Vorstellungen, außer dass ihm wohl nichts im Leben fehlte, dass er Bérénice nicht erschaffen musste, und doch hat er sie erschaffen. Bérénice, und weiter? Du wirst dich doch jetzt nicht für Bérénice halten? Sie wird rot, räumt lediglich ein, dass sie Racine gern zum Leidensgefährten hätte, dass ihr das helfen würde. Man lächelt, man staunt. Sie hält sich an ihre Devise: Tauglich ist alles, was den Kummer lindert. Man pflichtet ihr bei, man ermutigt sie.

Sie verzeichnet die Attribute, die ihr die ersten Recherchen einbringen: Racine war Jansenist, Höfling, Tragödiendichter, Mitglied der Académie française, Geschichtsschreiber, bürgerlich, ehrgeizig, sinnenfreudig, Christ, in Ungnade gefallen.

Dann versucht sie, die Handlungen seiner Stücke zusammenzufassen: Phädra liebt Hippolytos, der Arikia liebt. Orest liebt Hermione, die Pyrrhus liebt, der Andromache liebt, die Hektor liebt. Nero liebt Junia, die Britannicus liebt. Roxane liebt Bajazet, der Atalide liebt. Manchmal irrt sie sich, verwechselt die Protagonisten oder ist sich unsicher. Antiochus liebt Bérénice, die Titus liebt, der … Sie spürt ein ungewisses Schicksal in der Hand, mit der sie im Dunkeln tastet, nichts fassen kann, nichts halten, und setzt schließlich den Namen Roms ein.

A kann niemals B lieben und von B wiedergeliebt werden. Solch erbitterte Absage an die Gegenseitigkeit tröstet sie an manchen Tagen, als würde diese das unmögliche, mit der menschlichen Natur nicht in Einklang zu bringende Gegenteil verkünden. Ihr Unglück reiht sich in einen tausendjährigen Trauerzug ein, während Glück eine Ausnahme aus ihr gemacht hätte, ein Monster: Bérénice liebt Titus, der Bérénice liebt.

Ach komm, hör auf, lass besser die Finger von Racine. Wieder warnt man sie mit Nachdruck. Du wirst dir daran noch die Zähne ausbeißen. Deine armen kleinen Hände werden diese Marmorstatue niemals greifen können. Racine gehört dir nicht, Racine ist Frankreich. Aber genau das will sie, ihn greifen, ihn mit Händen fassen. Topp, denkt sie trotzig, die Wette gilt! Wenn sie versteht, wie dieser Provinzbürger so ergreifende Verse über die Liebe der Frauen schreiben konnte, dann wird sie auch verstehen, warum Titus sie verlassen hat. Es ist absurd, es ist unlogisch, aber in Racine ahnt sie den Ort, an dem das Männliche dem Weiblichen am nächsten kommt, ein Fels von Gibraltar, der die Geschlechter verbindet. Aber das behält sie für sich. Nach außen hin will sie nur aus ihrer Zeit, ihrer Epoche ausbrechen, sich mit etwas anderem beschäftigen als ihrem Kummer, durch ihren Tränenschleier hindurch etwas gestalten.

Sie beschließt, beim Anfang anzufangen. Moment, wir warten kurz, sagt sie sich.

ZWANZIG KILOMETER entfernt von Schloss Versailles gibt es ein kleines Tal. Dort führen hundert in den Boden gegrabene Stufen zu seinem tiefsten Punkt hinunter, dem Kloster von Port-Royal. Oben an den Hängen, eine Scheune, ein Bauernhof, ein paar Buchsbaumkugeln, ein Obstgarten, riesige Bäume. Der größten französischen Prachtentfaltung aller Zeiten setzt das Tal Ruhe entgegen, Kargheit, ein Gefühl der Abgeschiedenheit, so erlösend wie eine Zufluchtsstätte. Sie stellt folgende Hypothese auf: Racines ganzes Leben spielt sich in seiner Zerrissenheit zwischen diesen beiden Orten ab.

DIE GEBÄUDE stehen leer. Die Nonnen haben die Abtei verlassen, um sich in Paris niederzulassen. Weil sie feucht ist, gesundheitsschädlich. Von Zeit zu Zeit schleicht er sich aus der Schule. Er rennt die Stufen hinab ins Tal. Er durchstreift das Kloster, geht bis zur Solitude, einem Kreis aus baumüberschatteten Bänken, wo er sich Szenen und Gespräche ausmalt. Im Geiste sieht er manchmal die jungen Mädchen kreischen, schnattern, aus vollem Halse lachen, wenn sie sich von der Mutter Oberin unbeobachtet wähnen. Aber sieht Gott denn nicht alles? Wenn er sich dorthin begibt, um eine kleine Ode aufzusagen, die er auf Latein verfasst hat, werden die Bäume zu Menschen. Man schaut ihm zu und bewundert ihn. Wie Hände klatschen die Blätter Beifall. Ihm steigen Tränen in die Augen. Doch die Glocke läutet. Er rennt zurück zum Kloster, presst den Rücken an eine kühle Säule, beruhigt sich.

Als er die Stufen hinaufsteigt, hat er erneut das Gefühl, dass sie unten sind, hinter ihm, dass ihre Kleider die Steine streifen, ihre Gebete in der Ferne summen. Manchmal stürmt er gleich wieder hinunter, nur um vollkommene Stille vorzufinden. Der Aufregung folgt die Ernüchterung, er schließt die Augen, lauscht der Stille, so wie man reine Luft einatmet, deutet ein Lächeln an.

Seine Mutter starb, als er noch ganz klein war, kaum zwei Jahre alt. Sein Vater kurze Zeit später. Er hat keinerlei Erinnerungen an seine Eltern. Dafür erinnert er sich an die zahlreichen Frauen von La Ferté, diesen Schoß, der ihn damals aufgenommen, umsorgt, gewärmt hatte. Unter ihnen war auch seine junge Tante Agnès, die ihn manchmal zu sich winkte und ihm erlaubte, den Kopf auf ihre Schulter zu legen. Dann spürte er, wie ihr weiches Haar sich mit seinem vermengte, die Schwingungen ihrer Stimme eine Art Lichthof ergaben, ein Nest aus Klängen, in das er hineinschlüpfen konnte, ohne selbst sprechen zu müssen, denn sie war ja da und imstande, alles auszusprechen, was er brauchte, was er wollte, bis zu jenem Tag, an dem sie sich mit betrübter Miene zu ihm neigte. Sie brachte keinen Ton hervor, doch er las ihr von den Lippen ab, dass sie im Begriff war fortzugehen, ihn zu verlassen. Sie drückte ihn ein wenig fester als sonst, richtete sich wieder auf und entfernte sich. Im Halbdunkel glaubte er zu sehen, wie ihre Lippen sich stumm weiterbewegten und die beiden Silben des Wortes »Kum-mer« formten, aber vielleicht wollte sie auch etwas ganz anderes sagen. Er beschloss, sie bei ihrem Wiedersehen danach zu fragen, denn wie schon andere Familienmitglieder vor ihr – seine Großmutter, seine Cousins – hatte sie ihn verlassen, um nach Port-Royal des Champs zu gehen. Was er ein paar Jahre später ebenfalls tun sollte, weil die Erziehung junger Herren dort einen so exzellenten Ruf genießt.

Als er bei seiner Ankunft in Port-Royal erfuhr, dass sie nicht da war, dass man sie mit den anderen Nonnen nach Paris versetzt hatte, solange die Zellen getrocknet wurden, war er enttäuscht. Aber sie wird zurückkehren, und in der Mitte des Tals, ihrer neuen Bleibe, werden sie sich wiederbegegnen. Fast könnte er behaupten, er verbringe all seine Tage damit, auf sie zu warten, doch verspürt er weder Leid noch Ungeduld, seit er die Grammatik für sich entdeckt hat.

Die Menschen haben jene Wörter als Eigennamen bezeichnet, die sich auf die besonderen Ideen beziehen – so bezieht sich das Wort Sokrates auf einen gewissen Philosophen namens Sokrates, das Wort Paris auf die entsprechende Stadt. Und als Gattungsnamen oder Appellative haben sie jene Wörter bezeichnet, die die allgemeinen Ideen zum Ausdruck bringen, wie zum Beispiel das Wort Mensch, das sich auf die Menschen im Allgemeinen bezieht; Gleiches gilt für Wörter wie Löwe, Hund oder Pferd, führt Lancelot aus.

Jean fasst die Lektion als einfache und friedliche Erklärung der Welt auf. Er schreibt alles mit. Er genießt die unbedingte Ehrfurcht, die diese Regeln ihm einflößen. Die Regeln unterscheiden, ordnen und benennen. Die Stimme des Lehrmeisters ist so sanft, so wohlwollend. Die Grammatik ergießt sich über ihn wie ein Versprechen auf Zuneigung, zärtlicher und nährender als jede Predigt.

Jean ist zehn Jahre alt. Es ist sein erster Herbst in Port-Royal des Champs. Lange betrachtet er die braune Erde, die zwischen den Grünflächen glänzt. Noch nie hat er gepflügte Böden aus solcher Nähe gesehen. Die Erde glänzt so sehr, dass sie fast schon rot ist. Das Rot und das Grün fügen sich wunderbar ineinander. Ein Maler sollte das malen, denkt er, der bisher nur die wenigen gestrengen Porträts kennt, die die Galerie des Refektoriums schmücken. Jemand sollte sich der Wiedergabe dieser Farbverbindung widmen, die von der organischen Kraft der Erde kündet, von Saat und Wachstum, vom Leben der Menschen in der Natur. Hamon erklärt ihm, dass Blut manchmal genauso sämig aussieht, dass seine Farbe je nach Körperstelle variiert.

Wenn ich Maler wäre, wagt Jean zu sagen, würde ich diesen Kontrast malen, ich würde die Erde rot malen. Blut ist rot, gepflügte Böden sind braun, antwortet Hamon, an der allgemeinen Wahrnehmung, die Gott den Menschen gegeben hat, darf man nicht rütteln, sonst droht Chaos.

Jean nickt. Schade, denkt er. Wenn er ein Maler wäre, würde er das Risiko eingehen und die Böden blutrot malen.

Hamon ist über dreißig. Er ist Arzt, doch solange das Amt in der Abtei nicht frei ist, arbeitet er im Garten. Auch er heißt Jean, doch keiner der beiden nennt den anderen beim Vornamen. Der Anstand gebietet, den Eigennamen durch einen Gattungsnamen zuersetzen: »Monsieur«. Jean wünschte, es wäre anders, er spräche den anderen gern mit seinem eigenen Vornamen an, würde gern mit ihm reden wie mit seinem Ebenbild, sich selbst erkennen, sich durch ihn begreifen, diesen spiegelbildlichen Dialog führen. Jean, warum? Jean, hört einmal her … Inmitten der Fragen und Meinungsverschiedenheiten wäre dies stets ein Zeichen des Einvernehmens, der Harmonie.

Wann immer er kann, sucht er Hamon auf, der in der Erde kniet, und kniet sich neben ihn. Er weiß, er sollte das nicht, diese Haltung ist dem Gebet vorbehalten, er könnte einfach in die Hocke gehen, ohne seine Strümpfe und seine Hose zu beschmutzen, doch abends, wenn er sich umzieht, freut er sich über die paar Bröckchen brauner, noch feuchter Erde, die er in der Falte zwischen Hose und Strümpfen findet. Auf der Stube weist ihn der Meister manchmal zurecht und lässt ihn den Dreck wegmachen. Wieder kniet Jean nieder, diesmal auf dem kalten Stein, und liest behutsam die getrockneten Bröckchen auf. Er legt sie verstohlen in eine kleine Schale unter seinem Bett und hofft, dass sie eines Tages genug Erde enthalten wird, um darin etwas wachsen zu lassen.

Dann legt er sich hin. In der Dunkelheit kehren die Farben zurück, kräftig und leuchtend, Rot und Grün dicht nebeneinander, miteinander. Jean kommt der Gedanke, dass die meisten Dinge, die Sinn ergeben, sich auf diese Weise fügen und verbinden. Nebeneinander und miteinander. Wie gern würde er diese Dichte im Ausdruck erreichen, die Wörter so setzen, wie man Farben aufträgt, ohne sie zu mischen. Denn mit den Wörtern verhält es sich wie mit der Erde, sie trocknen aus, wenn sie zu viel hin und her bewegt werden, büßen an Sinn und Kraft ein, sind in ihrem Zusammenspiel auf immer mehr Wörter angewiesen, um Bedeutung zu erlangen. Er fragt sich, was wohl frische Wörter wären, bevor er, von diesen verwirrenden Gedanken ermüdet, die Frage irgendwo im Hinterkopf vergräbt und einschläft.

EIN TAG gleicht dem anderen, aber die Routine gefällt ihm. Um fünf ertönt in der Stube das Morgenläuten. Jean und die sechs anderen tauchen aus Träumen auf, die sich bei Tagesanbruch sofort verkriechen, Träume von Mädchenreigen, weichen Armen, von der Wärme eines heimischen Herds, der mächtig donnernden Stimme Gottes oder den Flammen der Hölle. Aber die Jungen knien nieder, ohne zu zögern. Manche sind noch im Halbschlaf. Dann stehen sie geschlossen auf, kämmen sich, ziehen sich an, um die Lektion vom Vortag zu wiederholen. Jeder Schüler kommt an die Reihe und trägt einen Teil vor. Am Ende führt der Meister die Versatzstücke zusammen und rekonstruiert die gesamte Lektion. Er legt Wert darauf, dass jeder seinen Beitrag, seine Bedeutung ermisst, dass die Anstrengung jedes Einzelnen das gemeinsame Werk nährt.

Um sieben wird am Tisch des Meisters die neue Lektion aufgesagt, anschließend wird still auf der Stube gefrühstückt. Die Schüler wechseln Blicke, trinken, kauen gemächlich und entspannen sich, bevor es um neun an den harten Brocken geht, das Übersetzen aus dem Lateinischen. Der Meister behandelt oft Ovid und Vergil, Autoren, die von Gott nichts wussten. Vergils überraschende Bilder, so einfach wie ergreifend, beeindrucken Jean auf Anhieb. Einmal bemerkt ein anderer Junge, er finde den Dichter anstößig. Der Meister antwortet, dass vor Christi Geburt viele Autoren anstößig gewesen seien, was ihre Größe keineswegs beeinträchtige. Und dann sagt er pallida morte futura. Jean überkommt ein eigenartiges Gefühl, wie schon beim Anblick von Rot und Grün. Das Französische zeigt seine Gelenke wie ein Hund seine Zähne, stellt ein Skelett mit verwachsenen Knochen zur Schau, während das Lateinische seine Bindeglieder verbirgt. Doch gerade in diesen Ellipsen wächst und fließt der Sinn, so wie feuchter Erde Gerüche entströmen.

Blass wegen des herannahenden Todes, sagt ein Schüler.

Nein, sagt der Meister.

Blass vom nahen Tod, schlägt Jean vor.

Aber das sagt doch nichts aus! Man ist nicht blass von etwas!

Mag sein, aber Jeans Übersetzung scheint mir dennoch zutreffender.

Man wirft ihm vernichtende Blicke zu, doch er ist schon bei der nächsten Übersetzung, erhöht das Tempo, führt die Klasse an.

Nach dem Übersetzen sind die Kinder müde. Jean hat Kopfweh, verspürt leichte Übelkeit. Der Meister weiß natürlich, dass sie noch Kinder sind, kann es aber trotzdem nicht leiden, wenn sie den Blick schweifen lassen und dieser nicht mehr an ihre Gedanken gekoppelt ist.

Eine letzte Frage, poltert er, seht Euch den Dativ an, warum steht an dieser Stelle der Dativ?

Während die anderen sich nicht mehr zu einer Antwort aufraffen können, sucht Jean nach einer Lösung. Der Meister ist unermüdlich, stundenlang könnte er übersetzen. Jean liefert ihm die Antwort, die er hören will. Der Meister entspannt sich.

Sehr gut, Jean, der Unterricht ist zu Ende.

Das Mittagessen findet im Refektorium statt. Jede Stube marschiert schweigend. Die kleinen Prozessionen folgen dem Meister zum Tisch und nehmen erst Platz, nachdem er sich gesetzt hat. Man wirft sich den einen oder anderen Blick zu, erholt sich, während man mit halbem Ohr dem Versgesang zuhört. Derart eingelullt, lösen und zerstreuen sich endlich die Gedanken, bis es Zeit für die Pause ist. Auf manchen Gesichtern erscheint ein albernes Lächeln, das Jean auf den Geist geht. Er würde sich gern davonstehlen, doch er muss seine Ungeduld zügeln, darf sich das Zappeln nicht anmerken lassen, das seine Beine erfasst und sie drängt, den Gärtnerarzt aufzusuchen.

Jean und Hamon knien in der Erde und sprechen miteinander, ohne sich anzublicken. Nur wenige Zentimeter trennen sie, und Jean denkt, wenn er das Gleichgewicht verlöre, fiele er seitwärts auf den Arzt und bräuchte ein paar Sekunden, um sich wieder aufzurichten, er denkt, dass sie sich trotz ihrer Parallelhaltungen im Grunde begegnen, sich in einem entscheidenden Punkt treffen.

Sie kommen auf unsichtbare, aber erwiesene Dinge zu sprechen wie den Blutkreislauf. Jean mag diese Diskrepanz, diese Art, sich mit zwei Dingen auf einmal zu beschäftigen beziehungsweise die Dinge und die Wörter zu trennen, sodass es Dinge gibt, die man sieht, und solche, die man sagt. Die Hände in der braunen Erde, die Augen auf die Wurzeln gerichtet, auf die Blätter, das grüne Gras, während der Geist gänzlich von tiefem Rot erfüllt ist.

Abseits der anderen bauen sie ein geheimes Nest aus Wörtern. Nähert sich jemand, verstummt der Arzt. Nicht alles, was er sagt, darf er auch sagen. Jean ist fasziniert. Wenn er über das machtvolle Zusammenwirken der Dinge staunt, das Hamon ihm schildert, kann er diesem Staunen sogar Ausdruck verleihen, ohne die Stimme zu heben. Genau diese Art von Widersprüchlichkeit wird hier erlernt, Begeisterung und Disziplin, wobei der Widerspruch relativ ist, gelingt es dem Glauben doch stets, das Staunen zu dämpfen:

Da gibt es nichts zu staunen, denn all dieser Perfektion liegt einzig und allein der Wille Gottes zugrunde, sagt Hamon.

Sein Wissen ist immens. In seiner Gegenwart hat Jean das Gefühl, dass sein eigener Körper zu einem Körper aus Glas wird, durchsichtig, ohne Geheimnisse. Diese Transparenz verwirrt ihn, und er würde sich am liebsten mit viel mehr Kleiderschichten bedecken, doch so oder so, Hamon wird immer wissen, was sich unter seiner Haut zusammenbraut. Jean beruhigt sich mit dem Gedanken, dass er eine Seele hat und dass sie ihn wie ein dicker Vorhang abschirmt: Wenn ich meine Seele in Gottes Hände lege, ist das der edelste Mantel, über den ich verfügen kann.

Im Garten gibt es nur wenige Blumen, viel Buchs, vor allem aber riesige Bäume. Woanders werden ganze Eichenwälder gefällt, um den Bau von Schiffen für die königliche Flotte voranzutreiben, sagt Hamon. Lasst uns beten, dass der König unseren Garten nicht auch noch kahl schlägt.

Er kennt alle Arten, benennt die Hainbuchen, die Ulmen, die Zitterpappeln. Er zählt auf, was sie unterscheidet, erklärt ihre Merkmale, die Herkunft ihrer Namen. Jean könnte ihm stundenlang zuhören. Die Ulme hat die gleiche Wurzel wie die Erle, sagt er, oder: Den Querbalken des Christuskreuzes hat man aus Buchenholz gefertigt. Die Zitterpappel hat ihren Namen von den Blättern, die beim geringsten Windstoß erzittern.

Und das ist alles?, wundert sich Jean.

Ja, der Baum selbst ist weniger bemerkenswert als der Name, den er trägt.

Umso besser, denkt Jean, die Vorstellung, dass Namen größer sein können als Dinge, beruhigt ihn.

Wenn er allein den Park durchquert, betrachtet er die Bäume, als wären sie stille Wachposten, ein Wald graziler Arme, an die man sich schmiegen, bei denen man Zuflucht suchen kann, wenn Sonne oder Regen zu stark sind. Manchmal flüstert er dort auch Botschaften, die er heimlich an seine Tante schreibt, bis ihm einer der Meister befiehlt, sich wieder der Gruppe anzuschließen. Die Namen der Bäume werden ihm so vertraut, dass er sie in Eigennamen umwandelt, sogar während der Grammatiklektion, als wären es die seiner Kameraden.

Zitterpappel neigt sich im Nordwind, sagt er.

Nein! Ob Ihr nun die Zitterpappel, die Ulme oder die Buche nehmt, es sind Gattungsnamen, gebietet der Meister. Und im Französischen muss ein Gattungsname stets mit einem Artikel eingeleitet werden.

Mag sein, räumt Jean ein, es steht mir aber frei, ihn zu entfernen und einem Hund den Namen Kloster oder Kutsche zu geben.

Ganz sicher nicht! Dafür gibt es andere Namen, wettert der Meister.

So gereizt dieser reagiert, kommen Jean ständig neue abstruse Bemerkungen in den Sinn. Als es im Unterricht um den Gebrauch von Singular und Plural geht, kann Jean seine Zunge im Zaum halten, doch er stellt sich weitere Gebrauchsformen vor, unmögliche Plurale, die seine Augen kurz glasig werden lassen. Und ohne dass er auch nur ein Wort sagen müsste, ruft ihn der Meister zur Ordnung:

Die Grammatik schreibt Regeln vor, an die Ihr Euch strikt zu halten habt.

Natürlich, Monsieur, antwortet Jean, der sich gern ein Korsett anlegen lässt, gern die Zwänge spürt, die ihm und seinem Mund auferlegt werden.

Und dennoch. Das Korsett sitzt etwas lockerer, als der Poesieunterricht beginnt. Mit straffer Haltung und aus voller Lunge rezitiert und deklamiert Jean so, wie man atmet. Vor ihm weitet sich der Raum, die Luft wird würziger, waldiger. Der Meister wagt nicht zu sagen, dass Jeans Vortrag sich vom Vortrag der anderen unterscheidet, aber wenn er ihm zuhört, hat er das Gefühl, von einem watteweichen Wind erfasst zu werden.

EINES MORGENS spricht Lancelot davon, die Texte zu sezieren. Er fügt nicht »wie Körper« hinzu, aber natürlich versteht Jean genau das.

Die anderen Schulen messen dem kaum Bedeutung bei, aber hier geht es nicht zuletzt darum: schreiben, neu schreiben, se-zie-ren.

An diesem Tag eilt Jean zum Arzt, um mit ihm über das Wort zu sprechen.

Sagt, Monsieur.

Und dieser antwortet, Sezieren sei ein nützliches Verfahren, doch er finde es ein wenig seltsam, junge Herren, die man ausschließlich in der Liebe zu Gott und in der Mildtätigkeit unterweisen sollte, so viel Poesie zu lehren.

Manche Gedichte sind uns immerhin untersagt, fügt Jean hinzu.

Ein Glück. Das ist nur zu eurem Besten, antwortet Hamon. Wenn wir Bücher lesen, nehmen wir die Sünden ihrer Verfasser auf, ohne es zu merken.

Aber Ihr lehrt mich doch auch unziemliche Dinge, wagt Jean einzuwenden.

Nichts, was die Größe Gottes untergrübe.

Einzig und allein, wenn er deklamiert, kommt nach manchem Vers ein Wind auf, ein Wirbel, der kraftvoll genug wäre, ihn weit über den Park hinauszuschleudern, in einen Himmel, der nicht der Himmel Gottes ist. Er klammert und krallt sich an den Wörtern fest, an der Melodie. Und tritt dann wieder in die Reihe, wird wieder zu einem Schüler unter vielen. Doch nie für lange Zeit, denn er allein wagt es, den Meister nach den Titeln der Bücher zu fragen, die man ihnen verbietet.

Das vierte Buch der Aeneis ist nichts für Christenkinder, sagt Lancelot.

Wir haben doch neulich eine Passage daraus behandelt, wundert sich Jean.

Das stimmt, denn man findet in diesem Buch einige großartige Beispiele antiker Geistesgröße, wie Ihr gesehen habt. Das wird aber nicht wieder vorkommen. Darum werde ich morgen früh sämtliche Bände wieder einsammeln.

Nachts findet Jean keinen Schlaf. Die ganze Stube atmet gleichmäßig vor sich hin. Er hingegen atmet stoßweise. Leise zündet er seine Kerze an, greift nach dem geächteten Buch. Er hätte es früher aufgeschlagen, hätte er das gewusst. Seine Hände zittern. Er rechnet mit dem Schlimmsten, doch nichts, nur die Klage der Königin Dido, die sich zieht wie zähflüssiger Honig. Seine Augen bleiben daran kleben wie Insekten, ohne etwas zu erkennen. Enttäuscht klappt er das Buch wieder zu, löscht seine Kerze, wiegt sich kurz in der Vorstellung, an seinem Bettende eine Art Monster aufgescheucht zu haben.

Hamon schenkt ihm einen Band der Parallelbiographien von Plutarch. Ein Geschenk, das ihre Komplizenschaft besiegelt. Jean beginnt zu lesen, doch er traut sich zunächst kaum, die Seiten beim Umblättern richtig in die Finger zu nehmen, bis er sich schließlich heimisch im Buch fühlt und durchaus berechtigt, es nicht nur anzufassen, sondern auch mit eigenen Worten zu ergänzen. Er scheut sich nicht, mit seiner groben Schülerschrift fromme Kommentare wie »Gnade«, »göttliche Vorsehung«, »Kein Mensch ist vollkommen« an den Rand dieses unchristlichen Textes zu setzen, getreu dem Prinzip, dass bei jeder Schrift allein die Lesart zählt. Jeden Tag vertieft er sich etwas mehr in den Text, durchstöbert ihn, löst wie Schalen einzelne Sätze ab. Die Seiten sind bald so stark beschriftet wie anatomische Bildtafeln. Er ist so stolz darauf, dass er sein Buch eines Nachmittags mit in den Garten nimmt, um es Hamon zu zeigen.

Jeder fügt sich seine eigenen Narben zu, sagt dieser.

Jean ringt um Fassung: Während er von ihm einfache, klare Sätze erwartet, kommt Hamon ihm manchmal mit durch und durch rätselhaften Sprüchen. Doch je mehr er seinen Plutarch in den folgenden Tagen mit Anmerkungen versieht, desto mehr meint er zu begreifen: Was tut er denn anderes, als Textteile aufzutrennen und wieder zuzunähen? Wenn die Lektüre eine Sektion ist, kann der Kommentar nur eine Narbe sein.

Zwei Wochen später, gleich am Morgen, werfen Horden junger Leute Steine auf die Schüler von Port-Royal und bezichtigen sie der bedingungslosen Königstreue. Die Lehrmeister sind derart überfordert, dass sie nicht wirksam eingreifen können. Es ist das erste Mal, dass Jean in seinen Beinen, seinen Armen eine solche Wut verspürt. Auch wenn er schon manches Mal fahrig oder voller Anspannung reagiert hat, so weit und so kräftig hat er noch nie ausgeholt. Bei aller Angst hat er dieses Gefühl von Kraft genossen.

Nach ein paar Stunden ziehen die jungen Frondeure weiter. Jean ist an der Stirn verletzt. Nicht seine Seele leidet in diesem Augenblick, sondern sein Körper. Trotz des Schmerzes stellt er freudig fest, dass Körper und Seele also imstande sind, die strikte Hierarchie zu durchbrechen, in der man sie gefangen hält; aber er weiß nicht, was er mit diesem Körper, der sich da plötzlich zeigt, anstellen oder was er von ihm halten soll. Hamon reinigt die Wunde. Seine Hand fühlt sich sanft an über Jeans Augen. Mit seiner ruhigen Stimme erläutert er die Behandlungsschritte, die Tinkturen, die er verwendet. Er wiederholt, dass jeder sich seine eigenen Narben zufüge. Als böte man ihm eine Auswahl an Edelsteinen, malt Jean sich seine Narbe klein und perlmuttern aus.

Hab ich recht?, fragt er.

Das kann man noch nicht sagen, antwortet Hamon, doch so oder so bleibt sie das Zeichen Eurer Treue zum König von Frankreich.

Bei diesen Worten spürt Jean, wie sein Körper sich sträubt und zuckt. Man kann die Narben des Körpers nicht von denen der Seele trennen, denkt er. Jede Körpernarbe ist zugleich eine Seelennarbe. Da er den König ja so sehr liebt, da der König Gott auf Erden ist und er seinem Ruhm auf die eine oder andere Art zu dienen beabsichtigt, wird die Narbe auf seiner Stirn leuchten wie ein guter Stern, um den die künftigen Ereignisse ein Diadem bilden werden. Er ignoriert den stechenden Schmerz und lächelt. Doch warum haben ein paar junge Leute bei der Auseinandersetzung Hamons Namen geschrien? Sagten sie nicht, er sei einer der Ihren und nicht königstreu? Einer rief sogar, der Erzbischof habe Wachen geschickt, um Hamon im Auge zu behalten.

Und was ist Euer Zeichen der Treue? Warum sagt man Euch nach, dass Ihr ihm untreu seid?, wagt Jean sich vor.

Hamon lächelt nur und hält ihn an zu schweigen. Seine Gesichtshaut müsse sich entspannen, seine Stirn wieder ganz glatt werden.

Tags darauf kann Jean dem Drang nicht widerstehen, seine Spiegelung in einer Fensterscheibe zu mustern. Zuerst versteckt er seine Wunde unter einer Locke, doch eigentlich mag er die Symmetrie, die sich zwischen Nasenspitze und dem Mal auf seiner Stirn bildet. Gerade will er die Locke wieder wegstreichen, als ein Meister ihn ertappt und seinen Müßiggang rügt, seine Eitelkeit. Jean errötet, presst bei der Vorstellung, er könne sich selbst schön finden, die Kiefer zusammen und hofft, sie zwischen den Zähnen zu zermalmen.

Ein neues Lateinlehrbuch erscheint. Die Regeln darin sind ausschließlich in Achtsilbern und auf Französisch formuliert. Es ist eine Revolution, die man für selbstverständlich zu halten versucht. Beim Einschlafen vernimmt Jean inmitten der Atemzüge der anderen nunmehr die achtsilbigen Verse, die sich in ihm ordnen und einlagern. Die Regelmäßigkeit betört ihn, lullt ihn ein. Seine Welt ist plötzlich von Musik erfüllt. Von dieser Revolution wird er auf lange Zeit die Erinnerung an eine Sprache bewahren, die von einem Tag auf den anderen begonnen hat, nachts zu singen. Die Meister stellen rasante Fortschritte fest. Das Lehrbuch ist ein wahrer Glücksfall.

Heißt das, dass jede Sprache auch Musik ist?, fragt Jean eines Morgens auf der Stube.

Ihr seid nicht hier, um singen zu lernen, herrscht ihn der Meister an.

Weitere Fragen sprudeln hervor. Beiläufig fragt ein Schüler, warum man ihnen nie Übersetzungen ins Lateinische aufgibt.

Was würde es uns nützen, eine lebende Sprache durch eine tote zu ersetzen?

Jean findet den Ausdruck furchtbar. Wie kann eine Sprache denn sterben? Am liebsten würde er auf der Stelle den Unterricht verlassen, um Hamon nach seiner Meinung zu fragen, denn der allein kennt den Unterschied zwischen Leben und Tod, aber er rührt sich nicht vom Fleck. Allmählich erholt er sich von seinem Schrecken, stellt bei den anderen Kindern keinerlei Unruhe fest, hofft, dass die Wörter wie die Seelen unsterblich sein können.

Es geht darum, fährt der Meister fort, die antiken Autoren in unsere Zeit zu holen, Nutzen aus dem zu ziehen, was sie uns bieten, sie zu durchdringen und ihre Texte anzupacken wie Materie. So lernen wir auch, unsere zu formen. Nun lasst uns aber auf dieses wohlbekannte Beispiel zurückkommen: Ibant obscuri sola sub nocte per umbram.

Jean überlegt und schlägt dann mit klarer Stimme vor:

Sie schritten allein in der dunklen Nacht.

Nein, das stimmt nicht ganz, Vergil meint etwas anderes.

Jean liest noch einmal vor, zweimal, dann zehnmal still für sich. Er sieht Schatten vorüberziehen, Umrisse mit der Nacht verschmelzen.

Der Meister sagt:

Sie schritten durch den Schatten, dunkel in der einsamen Nacht.

Jean schafft es nicht, sich diese einsame Nacht auszumalen. Er ahnt einen großen Schatten, der die menschliche Einsamkeit restlos verschlingt, aber die Vorstellung bleibt verschwommen, unbestimmt. Dann zählt er zur Erholung die Wörter, es sind zehn, wo das Lateinische mit sieben auskommt. Warum muss die Übersetzung immer welche hinzufügen? Man sollte es ebenso kompakt hinbekommen, ebenso dicht. Er versucht es erneut:

Dunkel schritten sie in der alleinigen Nacht.

Das ist perfekt, denkt er, als er feststellt, dass sein Satz genau sieben Wörter zählt, ist sich aber nicht ganz sicher, ob er ihn versteht, welche Bezüge die Adjektive bilden. Er wird nicht müde, sich diesen Satz zu wiederholen. Der Satz ist widerständig, rein, nicht wie klares Wasser, sondern wie ein Diamant.

Der Meister überlegt, nickt, lächelt.

Das ist nah am Original, sagt er.

Aber das sagt doch überhaupt nichts aus, protestiert ein Mitschüler. Was soll das sein, eine »alleinige Nacht«?

Jean versucht weder, es ihm zu erklären, noch, ihn zu überzeugen. Er begreift, dass er die Verständlichkeit ein Stück weit opfern, allein auf das Zusammenwirken der Satzglieder und Silben vertrauen musste, um zu dieser Lösung zu gelangen. Die Übersetzung, sagt er sich, ist zu vielen Zwängen unterworfen, so wie Mathematiker, die einen Kreis durch vier zufällig gegebene Punkte konstruieren wollen, es aber nur durch drei schaffen, auch wenn sie den vierten nur knapp verfehlen. Trotzdem fasst Jean den Entschluss, sich eines Tages an die vier vorgegebenen Punkte zu halten.

Eine Welle der Entmutigung geht durch den Raum, sodass Jean am Ende der Lektion Lancelot nur noch ins Ohr flüstert, dass eine wirklich tote Sprache ihnen weder so viele Schwierigkeiten noch so viele Meinungsverschiedenheiten bescheren würde.

Ganz im Gegenteil, gerade weil Französisch eine lebendige Sprache ist, legt es dem Lateinischen diese Fülle von Möglichkeiten zu Füßen. Vergesst das nie. Entnehmt dem Lateinischen, was Euch geeignet erscheint, erstarrt nie in Ehrfurcht, sondern schöpft daraus und bedient Euch.