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Ruth Zylberman

Vermisstenstelle

Aus dem Französischen von
Patricia Klobusiczky

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
»La direction de l’absent«.
© 2015 Christian Bourgois éditeur, PARIS

INHALT

Bestandsaufnahme (1)

Bestandsaufnahme (2) – Personenstand

Bestandsaufnahme (3)

Bestandsaufnahme (4)

Bestandsaufnahme (5)

Bestandsaufnahme (6)

Bestandsaufnahme (7)

Im Osten (1)

Im Osten (2)

Im Osten (3)

Bauchrednereien

Meine Zeit, mein Raubtier, deinem
Aug – hält ihm ein Auge stand?

OSSIP MANDELSTAM
(Deutsch von Paul Celan)

Für Maurice Nadeau

BESTANDSAUFNAHME (1)

Wie sie leuchtete.
Wie sie leuchtete, diese Stadt, wo ich
den Jahren hinterherirrte
.
CZESŁAW MIŁOSZ

Als Mama begriff, dass ich, damals eine Frau in den besten Jahren, sterben wollte, bekam sie Angst. Bisher war ich ein quicklebendiger, braver kleiner Schatz gewesen, doch nun war ich fast vierzig und wollte sterben.

Unter der grünen Wassermasse musste man suchen, unter dem Schlamm musste man suchen, dort einsinken, sich entspannen, die Flüssigkeit aufnehmen, das wirre Haar über die Schultern hängen lassen, das wirre Haar über Augen und Gesicht hängen lassen. Mit der Haarmasse zurechtkommen, mit der Wassermasse zurechtkommen. Sich durchweichen, sich einhüllen lassen und mit den Füßen voran zum Grund gelangen, nach ganz unten. Durch das Wasser gleiten, ohne mit den Armen oder Beinen zu schlagen. Den Husten hinnehmen und das Prusten und die Kälte, die sich am ganzen Körper entlangzieht. Ich habe die Holzstücke betrachtet, die ringsum an der Wasseroberfläche trieben, das Gespinst der Sträucher, Büsche an beiden Ufern. An der Böschung gegenüber ragten in regelmäßigen Abständen langstämmige Bäume auf. Ihre schwarzen, makellosen Äste reckten sich dem Himmel entgegen; eine trostlose Armee von Gefährten, diese Bäume.

Kalt, kalt, kalt waren sie, kalt war mir, und ich spürte, wie meine Füße im Wasser allmählich taub wurden. Die Welt war verwaist. Meine Gesichter waren sämtlich hinter dem Geflecht aus Stämmen und Ästen verschwunden. Versunken, in die Tiefe gerissen, und mein Körper war nicht mehr in meinem Körper. War kahler Baum geworden, Ast. Versunken die Hügel und Wege, alles, was meinen lebendigen Körper umgab – der im Schritt lief, im Trab, im Galopp, im Einklang mit dem Herzen, dem Blut, das im Kopf pulsiert. Und von meinem Ufer aus sah ich die Weite voller kahler Bäume, die trostlose Armee von Gefährten. Er, es, ich erzittere vor den himmelwärts gereckten Ästen und der Erde ringsum und vor der Wasserfläche, die so leicht aufzuwühlen ist. Ich, es, er zieht bis zur Mitte vor.

Das Geräusch der Stille: mein langer Atem, vermischt mit Wind.

Ich habe mich an die Hügel und Wege erinnert, an die sengende Sonne, an die geträumten Gesichter, die sich schwebend über leuchtend grüne Wiesen legten, an die braunen Lavendelfurchen, die sich an den Hängen abzeichneten, an das einsame Pferd, das mir nachblickte, als ich vorbeiging; ich habe mich an die grauen Fassaden von Paris erinnert, an meinem Blick, der an den Brüstungsreihen hängen blieb. Man musste alles betäuben, den Schmerz verstummen lassen, im kalten Wasser, unter kahlen Bäumen. Dafür brauchte man nur in die Mitte zwischen beiden Ufern zu driften. Es war die Zeit meines eigenen Todes. Es war, endlich, die unverrückbare Zeit meines eigenen Todes.

Die Spuren der durchlebten Jahrhunderte riss ich mit in die Tiefe, die Spuren des werwölfischen Jahrhunderts, das ich früher mit aller Macht lebendig halten wollte – wie vor mir schon Mama. Für sie war ich die Lebende schlechthin, auf ewig, ihr Wunder, unberührt von Nebel und grauen Gefilden. Unversehrt. Ein geretteter Vogel, den sie als Eroberer in die weite Welt entsandt hatte.

Und die Welt begann in Paris: Mama kannte sämtliche Straßen, Abkürzungen. Sie zog mich hinter sich her, damals, 1978. Das 18. Arrondissement war ihr Königreich, und sie zog mich hinter sich her, mit ihren schwarzen Locken, hohen Wangenknochen, glänzenden Augen, ohne sich um die Männer zu scheren, die sich nach ihr umdrehten. Die Algerier von Barbès-Rochechouart hielten sie für eine Landsmännin und murmelten auf Arabisch, wenn sie vorbeiging; diese Männer wussten nicht, dass die Wüste für sie Tausende von Jahren zurücklag und dass es zwischen der Wüste und Barbès einen Umweg über raues polnisches Flachland gegeben hatte.

Wir stiegen hinab zur Goutte-d’Or: heruntergekommene Wohnhäuser, die Fenster mit gekreuzten Holzbalken vernagelt, Leute, die auf dem Bürgersteig saßen, erstickte Schreie wegen der Schlägereien, der schleppende Gang der Afrikanerinnen – als befänden sich hier die Grenzen der Stadt, die Grenzen des gesamten Kontinents. Ich wechselte die Seiten, folgte den Abhängen, Hand in Hand mit meiner Mutter. Sie führte lange, gedämpfte Gespräche mit einem Metzger, der ihren Vater zu Kriegszeiten gekannt hatte und dessen Laden an der Rue Myrha von klaffenden Abrisslöchern umzingelt war: Freiflächen, Baulücken, Sand … Ich nahm alles wahr und erahnte das Geheimnis der brachliegenden Stadt, das fast unsichtbare Wirken der Zeit, die den Fassaden zusetzte …

Mama tauchte aus den Trümmern auf, und ich überholte sie, rannte ein paar Meter vor, nur damit ich mich umdrehen und wieder auf sie zustürmen konnte. Hand in Hand sausten wir die Rue Doudeauville hinauf, zum höher gelegenen Teil des Viertels. Umkreisten die Butte über die Biegung der Rue Caulaincourt, vom Laubwerk der Bäume beschützt, mit denen beide Straßenseiten in regelmäßigen Abständen bepflanzt waren. Ihre verschränkten Äste ergaben einen natürlichen Baldachin.

Hier – für mich das Herz von Paris – standen die Häuser schön aufrecht, aus Gips und Backstein erbaut für die Ewigkeit. Alles, was sich in den Straßen abspielte, das Kommen und Gehen der Passanten, der Verkehrslärm, der Wechsel zwischen Helligkeit und Dunkelheit, wenn abends hinter den Fassaden die Wohnungsfenster aufleuchteten und später erloschen, all das waren Störfälle, deren flüchtige Beschaffenheit sich in dieser Steinlandschaft auflöste, durch die Mama mir einen Weg bahnte. Beim Gehen, wie mir an ihrer Seite auffiel, deutete sie häufig ein Lächeln an, es schien sich an unsichtbare Wesen zu richten, die nur sie zu erkennen vermochte. Sie führte mich in eine schmale Straße, die sich an den Gärten von Sacré-Cœur entlangzog, wo ich, wenn ich mich allein dort hinwagte, immer vor den kleinen, in den Fels gehauenen Grotten erschrak, Überreste der Gipssteinbrüche von Montmartre. Eine unleserliche Tafel wies darauf hin, dass Cuvier dort 1798 fossile Knochen entdeckt hatte. Hingegen stand nirgends zu lesen, dass man hier keine hundert Jahre später Kommunarden hingerichtet und Gruben ausgehoben hatte, um ihre Leichen zu verscharren.

Von der Pariser Kommune wusste ich damals nichts, aber ich war überzeugt – ob ich etwas von diesem Massaker spürte? –, dass diese steinigen, düsteren und stinkenden Löcher bedrohliche Geister bargen, die meine Mutter allein durch die Macht ihres selbstvergessenen Lächelns vertreiben konnte.

Sie zog mich an, brachte mich zum Lesen, betrachtete mich. Ich spürte ihren Blick, an der Schwelle zu meinem Zimmer spähte sie unter den bunten Kleidchen, die sie ständig für mich kaufte, nach dem stetigen Strom des Lebens. Ohne mich zu berühren, hörte sie meinen gleichmäßigen Herzschlag, folgte dem Umlauf des Blutes in meinem Körper, dem Schwellen der Adern, sah auch die Worte aus den Büchern, die Bilder, die sich in meinen Kopf prägten. Das Wesentliche war ja nicht, artig zu sein, strebsam, höflich – die Weisung, die meine Mutter mir von der Tür aus stumm erteilte, die herrliche Mühe, zu der sie mich anhielt, war das Wesentlichste: Ich sollte wachsen …, meine Haut schön warm, das Auge wach sein.

Eigentlich keine schwere Aufgabe: das Blut kreisen lassen, atmen, das Herz schlagen lassen, endlich groß werden – ich musste mich dem lediglich hingeben, mich wie eine Pflanze, die Wasser aufnimmt, von ihrem hoffnungsvollen Blick durchdringen lassen.

Das machte meine ganze Kindheit aus – die Schönheit meiner Mutter und die Stadt, die sie verwandelte. Im Bus nahm sie mich auf den Schoß, ich sah Paris an mir vorüberziehen. So wurde die stabile, aus regelmäßigen Quadern erbaute Stadt zur steinernen, anheimelnden Doppelgängerin des üppigen Körpers meiner Mutter, dieses Schutz-Körpers, den ich ab und zu nackt gesehen hatte. Von erotischen Wallungen befreit glich er einem venendurchzogenen Block, porös, aber unangreifbar. Wenn ich auf Mamas Schoß saß und sie mich mit beiden Armen umschlang, spürte ich ihre Brüste in meinem Rücken. Der Bus überquerte die Seine, ich schlief ein, an sie gelehnt, so tief wie ein Tier oder Säugling. Ich hörte das ferne Gemurmel der Fahrgäste, die gedämpften Geräusche der Bremsen und der Reifen auf dem Asphalt. Ich hatte keine Angst, einen Teil der Reise zu verpassen, denn ich dachte, die Reise in dieser so zugänglichen Stadt sollte ich noch viele Male, unzählige Male, sogar bis in alle Ewigkeit, unternehmen, in der unendlichen Zeit, die meine unendliche Kindheit an Mamas Seite währen würde.

Und wir gingen, eng aneinandergeschmiegt, über die weißen Sandwege im Jardin du Luxembourg, wo das Leben, das wir uns beide erhofften, ein selbstbestimmtes Leben, das auf die unsinkbaren Säulen der Gelassenheit und Freude gründete, möglich war.

Und wenn sie mich auf der grünen Schaukel anschubste, bis ich die Baumwipfel erreichte, riss ich ihren freudigen Schwung mit, trug ihre Bittgebete um Unsterblichkeit in den Himmel, der zwischen den Ästen hervorstach.

Mamas Gesicht. Muss ich aus nächster Nähe betrachten, sogar wenn sie schläft. Ich trete ans Bett, der Tag bricht an. Ein weißer Lichtkreis beleuchtet die Wangen, die Fältchenbahnen, den Verfall der Haut, der gerade erst einsetzt. Ich nehme jeden Abschnitt unter die Lupe. Ich will herausfinden, woher diese Strahlkraft kommt, und beuge mich über sie, wie man sich über eine Spiegelung beugt. Ich erkenne das Venenende, das oben am Hals unter der Haut pocht. Den Schwung der Augenbrauen, die Dreiecksform des Gesichts. Die flimmernde Haut. Mamas Gesicht, schroffer Schutzschild, den ich nach geologischen Spuren des Kindes absuche, das sie einmal gewesen ist, des Kindes, das, wie ich weiß, wie ich schon immer gewusst habe, ohne es je erfahren zu müssen, dem Schnee und der Kälte entronnen ist, vor langer Zeit, aus tiefem Schnee – so klingen Legenden –, gezogen vom Arm ihrer Mutter; meine Mutter, deren Kindheitsgesicht – ich betrachte sie immer noch – mit dem tödlichen Schnee in Berührung gekommen ist, mit den übereinandergestapelten Leichen, damals im Krieg, meine Mutter, deren Gesicht niemals hätte altern dürfen, für immer das Gesicht eines toten Kindes hätte bleiben müssen, im Schnee verborgen, mit abgewandtem Kopf unter dem Leichenstapel, deren Gesicht von ihrer eigenen Mutter geborgen wurde, aus, aus, aus – ein ungeheurer Kraftakt – dem Schnee. Das Gesicht zerfällt unter dem Gepräge eines Bilds, das mich erstarren lässt, und ich weiche voller Angst zurück, weil ich hinter der Stirn, weit unter den Haarwurzeln einen Baum wachsen sehe, im Kopf meiner Mutter, inmitten der Zellen, inmitten des lebendigen Magmas, einen Baum, der mit weit ausgreifenden Ästen eine riesige weiße Fläche einfasst. Dieser Landschaft, auch das weiß ich, kann man nicht entfliehen. Aber dann öffnet Mama die Augen, und das Gesicht setzt sich wieder zusammen, unbezwingbar, heimgekehrt aus dem Totenreich.

Für mich, für sich suchte sie nach den Landschaften ihrer Wiedergeburt. Sie nahm mich nach Südfrankreich mit, in eine abgeschiedene Gegend östlich der Rhone. Wir fuhren über die Dörfer. Die zunächst flache, gerade Straße stieg nach einer Kurve an, hinter der eine bunt gewürfelte Reihe leicht abschüssiger Wiesen zum Vorschein kam. Und noch ein Dorf, ein Tempel, eine Kirche inmitten des Platzes, eine Ansammlung ziegelgedeckter Häuser oberhalb eines Flusslaufs; wir fuhren weiter.

Dann tauchte linkerhand eine kleine Straße auf, als wollte sie der Welt entfliehen. Zunächst war da nichts zu erkennen, nur ein paar Bäume am Wegesrand. Danach folgten die dunklen, regelmäßigen Rechtecke der Lavendelfelder und schließlich, einer nach dem anderen – und das war jedes Mal eine Art Gruß –, die runden Hügel, die einer Schar heiter gelassener Schwestern glichen.

Wir nahmen die Feldwege, wo Steine und Erde sich mischten, mit hellwacher Seele: die lila und blauen Blumentupfer, der scharfe Wind, die raschelnden Gräser, das leere Flussbett, die Bäume, an denen büschelweise weiche, glänzende Blätter grünten – der notwendige, sich ständig wiederholende Ablauf von Werden und Vergehen und Werden. Im Hügeltal schien es endlich möglich, sich mit dem Boden zu verbinden, ganz und gar mit ihm eins zu werden, unsere Haut, unsere Mäntel ein Flickenteppich auf abgemähten Kornfeldern, beschützt vor den Härten der Außenwelt.

Zu Hause bewahrte ich in einer Schublade die Automatenbilder auf, die Mama in der Metrostation Blanche mit mir machte. Als Hintergrund standen Sacré-Cœur und Moulin Rouge zur Wahl. Sie wählte den Sacré-Cœur. Ich kletterte auf ihren Schoß, wir starrten den Verschluss der Kamera an und warteten auf den Blitz. Die drei Minuten Entwicklungszeit verbrachten wir schweigend, in der kühlen Metroluft von einem Fuß auf den anderen tänzelnd. Dann kamen die immergleichen Fotos, in das immergleiche orange Licht getaucht, ich außerhalb des Fokusfelds, mit abgewandtem Kopf und Blick zu Mama, die angesichts des Blitzes unverwandt lächelte.

Jahr um Jahr änderte sich nichts an dieser Bildgestaltung, und der Sacré-Cœur ganz im Hintergrund war eine Erweiterung von uns selbst, unser symbolisches Zuhause, die Vergewisserung, dass wir diesen Ort beseelten, so wie er uns beseelte.

Jahr um Jahr, Bild um Bild verstrich die Kindheit: eine Unmenge an Stunden und Handlungen, die von Routine und Wiederholung geprägt waren, ununterscheidbare Stunden, zusammengehalten vom Speichel der Küsse, vom Reiben zärtlicher Finger, vom weißen Sekret der Tränen. Und wie eine kostbare Blume unter künstlicher Treibhaussonne veredelten sich, da ich Schule, Park und Klavierunterricht besuchte, da ich in meinem Zimmer las, abends in der Küche mit meinen Eltern aß, da ich jeden Sonntagmorgen mit Papa zum Grand Palais spazierte und wir dessen funkelnden Glaspanzer bewunderten, in dem sich die Wolken spiegelten, da ich mich in der Schule gegen die Gemeinheiten anderer Kinder wehrte und meinerseits gemein war, da ich die Erwachsenen und die Straßen der Stadt wie Statisten vor verträumter Kulisse betrachtete, da veredelten sich wie eine kostbare Blume unter künstlicher Treibhaussonne mein Herz und meine Seele in Erwartung des Lebens und der Liebe.

Es wurde Nacht, dann übernahmen stille Sprachen das Kommando.

Zunächst gab es nur einen Plan, keine Gebäude oder Bürgersteige, nur die Namen gezeichneter Straßen, die ich in alter Vertrautheit überflog wie eine unschuldige, strahlende Seele, die in aller Ruhe in ihr Geburtsland zurückkehrt. Ich flog über das kleine Ghetto, Siennastraße, Pańskastraße, schwang mich bis in den Norden auf, Miłastraße, rechts in die Zamenhofstraße, rechts die Gęsiastraße, links die Nalewkistraße und der Muranowskiplatz. Vertraut waren mir auch die Fußgängerbrücke der Chłodnastraße und darunter die ruckelnde Tram. Die Adressen versehe ich noch mit Zahlen: Lesznostraße 13, Krochmalnastraße 17, Nowolipkistraße 27, Grzybowskastraße 26, Lesznostraße 16, Zamenhofstraße 19, Miłastraße 18, Franciszkańskastraße 22, Elektoralnastraße 32.

Das ist die Enklave meiner Träume, von Mauern umgeben. Ich sehe nur den Plan, die Namen der Straßen, die ich in alter Vertrautheit überfliege. Unsichtbar sind Gesichter und Gestalten, besser gesagt, ich wage höchstens einen flüchtigen Blick, manche erkenne ich wieder: den Pianisten, die kleinen Schmuggler, die Sängerin, die bettelnden Kinder, die verzweifelten Mütter, die menschenfressenden Mütter, aber ich sehe nicht näher hin, zu furchterregend. Die Augen, die Läuse, die namenlose Angst jagen mir Angst ein, und so fliege ich, fliege immer wieder, sehe nur den Plan, die Namen der Straßen, die ich in alter Vertrautheit überfliege. Um die Karmelickastraße zu umgehen, merke ich mir die geheimen Durchgänge zwischen Nowolipki- und Lesznostraße.

Ich bin die Seele des Lebens, das aus befriedeter Zeit wieder hervorgetreten ist.

In Wirklichkeit bin ich das Gespenst, inmitten der panischen Juden, die zwischen Niska- und Muranowskastraße gehen und sterben, ein Gespenst aus der Zukunft, bulletproof, fear-proof, unverwundbar. Doch ob ich mich nun unterwegs verirre, ob ich über Bürgersteigen, neben Mauern, in der Nähe von Bunkern, die es nicht mehr gibt, und unter Pflastersteinen verharre, höre ich stets, allein und starr vor Schreck, in meinen Nachkriegsnächten die Geräusche unter der Erdkruste, die Geräusche von verschmelzenden Körpern, die weiterhin explodieren. Diese Geräusche sind nicht Teil meiner Erinnerung, ich bin die Einzige, die sie hört.

»Mama!« Ich schrie, damit sie mich am anderen Ende des Flurs hörte. Sie kam.

BESTANDSAUFNAHME (2) – PERSONENSTAND

Geboren bin ich im 10. Pariser Arrondissement, am 30. April 1971. Das heißt sechsundzwanzig Jahre nach Ende des Kriegs, des einzig geltenden, des Zweiten. Lange Zeit dachte ich, sechsundzwanzig Jahre wären viel. Genauer gesagt, ich glaubte lange, ich wäre in einer anderen Raumzeit geboren, wie nach einem neuen Urknall, in einem neuen Universum, der fabelhaften Welt der »Nachkriegszeit« – und ich wäre als auserwähltes Kind außer Reichweite des Bösen.

Also setze ich neu an: Ich bin am 30. April des Gnadenjahres 26 geboren, strahlendes Leben, wundersamerweise nicht verseucht.

Sechsundzwanzig Jahre, ist das nun wenig oder viel?

BESTANDSAUFNAHME (3)

Vom anderen Ende des dunklen Flurs kam Mama. Was hatte ich schon zu befürchten? Die schlimmen Zeiten lagen hinter uns. Wir befanden uns im Frankreich der Achtzigerjahre. Jeden Morgen ging ich zu Fuß in meine Schule in der Rue de Clignancourt und beruhigte mich wieder; ich hatte festen Boden unter den Füßen.

Frankreich war nichts Abstraktes, es war so konkret wie die steinerne Inschrift auf dem Giebel der Schule, so streng und feierlich wie der Wahlspruch »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit«, zu dem ich jeden Tag verständnisinnig hochblickte, bevor ich die Schule betrat; es war so leuchtend wie die Trikolore, so unnachgiebig sanft wie die blinden Augen der Marianne auf ihrem Sockel vor einer Wand voller Kinderzeichnungen. Frankreich klang so hell wie die uralten Lieder, die wir von der Tafel abschrieben, es trat in den gepflegten Parks der Île-de-France, der bunten Fülle der Prisunic-Märkte, der stillen Erhabenheit von Racines Bühnenwerken in Erscheinung.

An Wahltagen war ich außer mir vor Freude, wenn die Schule zum Wahllokal umgewidmet wurde. Diese Vermischung von Funktionen schien den nahtlosen Übergang vom Schüler- zum Wählerdasein zu bestätigen, bot die Gewissheit eines unausweichlich vorgezeichneten Lebenswegs, der innerhalb dieser vier Wände verlaufen würde. Die Stapel von Stimmzetteln, die auf dem Tisch aufgereiht waren, die Art und Weise, in der die Wähler sich von jedem Stapel einen Zettel nahmen, um nicht erkennen zu lassen, welchen sie am Ende in den Umschlag stecken würden, die mit einem grauen Vorhang verhängten Wahlkabinen, in die meine Eltern sich mit verschwörerischer Miene nacheinander begaben, die Ernsthaftigkeit der Wahlhelfer, die Namen und Adressen verkündeten, der eindringliche Ruf »hat gewählt«, der jedes Mal erschallte, wenn ein Zettel in die Urne fiel, waren lauter Requisiten der Vorführung »Demokratie, Freiheit, Francité«, die mich begeisterten. Die Krawatte, die mein Vater an solchen Tagen anlegte, verstärkte das Gefühl, dass es sich dabei tatsächlich um eine Kommunion mit mystischen Zügen handelte: die öffentliche Bekundung unseres Verwurzeltseins, die weihevolle Annahme unserer Identität als Bürger. In diesem eindrücklichen Zeremoniell erkannte ich mehr oder weniger das zwangsläufige Ende eines Jahrhunderte währenden Exils.

Die Gewissheit, wohlbehalten ans Ziel gelangt zu sein, steigerte sich noch, wenn wir die Tante meines Vaters besuchten, die in der Rue Daguerre in einem kleinen Mehrfamilienhaus lebte, ganz in der Nähe des Löwen von Belfort.

Früher hatte sie in den Kürschnerwerkstätten des 11. Arrondissements an der Strickmaschine gearbeitet und seit ihrem Ruhestand auf naive Malerei umgesattelt. Auf ihren farbstrotzenden Gemälden prangten riesige Familien in purpurroten Interieurs. Die Frauen hatten mandelförmige Augen, langes schwarzes Haar und trugen türkisblaue Kleider, die Männer Bärte und bunte Kaftane, die dunkelhäutigen Kinder blickten die Erwachsenen vertrauensvoll an. Die Bilder der Tante häuften sich in jedem Winkel der Wohnung an, lehnten gegen sämtliche Wände, in der Küche, auf dem Treppenabsatz.

Besonders faszinierend waren die Fensterscheiben, die Anna – die ihr mittlerweile ergrautes Haar noch immer so frisierte wie in ihrer Jugend, gescheitelt in der Mitte und hochgesteckt zu beiden Seiten –, ebenso bunt bemalt hatte wie ihre Leinwände. So zu Kirchenfenstern verwandelt, ließen sie gedämpftes Licht in die Räume dringen, das vor allem im Sommer blau, gelb und rot schillerte und die Möbel und die Bücher in den Regalen mit einem unwirklichen Schimmer umgab.

In einer Ecke des Wohnzimmers hing ein Porträt von Anna als Zwanzigjährige. Wer ihren schwermütigen Ausdruck sah, ihre Aura einer brünetten Zigeunerin, das angedeutete Lächeln, das streng gescheitelte, hochgesteckte Haar, die langen, glänzenden Ohrringe, erkannte schnell, dass die großäugigen Frauen in ihren Gemälden nichts anderes waren als eine ununterbrochene Reihe von Selbstbildnissen.

Der Schöpfer des Porträts war ein gewisser Schönberg, Annas große Liebe vor dem Krieg.

Er hatte ihr Gesicht aus der Erinnerung gemalt, im Lager von Pithiviers, in das er 1941 interniert worden war. Schönberg, ein großer, schmächtiger junger Mann, dem einzigen Foto nach, das noch von ihm existierte und das auf dem Kaminsims aus geflecktem Marmor stand, hatte über dem Bild eine Widmung angebracht: »Für meine geliebte Chanouchi«; er hatte auch Notenlinien gezeichnet, mit den ersten Noten einer Nocturne von Chopin, die ich bei jedem Besuch vergeblich zu entziffern suchte.

Es gab noch ein anderes »Werk« von Schönberg, einen Brieföffner aus hellem Holz, darin eingraviert die Baracken von Pithiviers und wieder Notenlinien, diesmal allerdings mit den ersten Noten einer Beethoven-Sinfonie. Der Griff war mit einer Aufschrift versehen, deren Tragik oder Ironie ich damals nicht ermessen konnte: »Schöne Grüße aus Pithiviers.«

Anna pfiff mir die Nocturne vor, den Anfang der Sinfonie, dann erzählte sie von Schönberg, diesem so sensiblen, so musischen, so verliebten jungen Mann … Doch für mich war Schönberg, war sein feines Gesicht mit der Metallbrille nur ein Schemen unter vielen – wie auf den Fotos, die die Regale meiner Großmütter bevölkerten: Gesichter von Männern, Frauen, Kindern, Brüdern, Vätern, Schwestern, Müttern, Neffen oder Nichten, die es offenbar einmal gegeben haben musste, irgendwo, an Orten, von denen ich das eine oder andere Detail zu sehen bekam, das helle Ufer eines Flusses, die reich geschnitzte Fassade eines Holzhauses, die Schranke eines ländlichen Bahnhofs.

Diese schwarz-weiße oder vielmehr grau-weiße Menschenmenge, in der ich gelegentlich ein Gesicht entdeckte, das eine erstaunliche Ähnlichkeit mit einem der Gesichter meiner Pariser Großmütter oder Cousinen aufwies, gleich zweier Ableger ein und derselben Pflanze, bestand aus jenen, die nicht mehr unter uns weilten. Darüber wunderte ich mich nicht, »sie sind im Krieg gestorben«, daran hatte ich mich gewöhnt und stellte schon lange keine Fragen mehr.

Es erschien mir ganz normal, dass auch Schönberg nicht mehr unter uns weilte und von ihm nichts geblieben war als diese Notenlinien, das Porträt und der Brieföffner.

Von ihm hatte Anna noch etwas anderes geerbt: seinen besten Freund, der aus demselben polnischen Dorf stammte, im Gegensatz zu Schönberg nicht »im Krieg gestorben war« und den sie zu Beginn der Fünfzigerjahre geheiratet hatte.

Er war’s, Morgenstern, die Teufelsgestalt der Rue Daguerre! Knapp einen Meter sechzig groß, nur ein paar vereinzelte Zähne im Mund, Morgenstern, der mit mir unbedingt Englisch sprechen wollte (er hatte es sich mit der Lektüre von Shakespeare selbst beigebracht), wenn er aus seinem Bibliothekszimmer auftauchte, in dem die Bücher sich vom Boden bis zur Decke stapelten, da nichts wichtiger sei als Fremdsprachen zu können. Er selbst beherrschte ein Dutzend, was mich zutiefst verwirrte, denn so bescheiden meine Englischkenntnisse waren, seins konnte man kaum verstehen, was übrigens auch für sein Französisch galt, derart verheerend wirkten sich auf seinen Akzent noch die fehlenden Zähne aus.