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BETONGÖTTER

MARKKU
KIVINEN

ROMAN

secession VERLAG FÜR LITERATUR

BETONGÖTTER

MARKKU
KIVINEN

ROMAN

Aus dem Finnischen übersetzt von Rosalinde Sartorti mit Kristiina Hämäläinen
Glossar und Nachwort von Rosalinde Sartorti

secession VERLAG FÜR LITERATUR

Titel des finnischen Originals : Betonijumalia

© 2009 by TEOS, Bulevardi 12, 3. KRS, 00120 Helsinki

Erste Auflage

© 2014 by Secession Verlag für Literatur, Zürich

Alle Rechte vorbehalten

Übersetzung : Rosalinde Sartorti mit Kristiina Hämäläinen

Lektorat : Alexander Weidel

Korrektorat : Patrick Schär

www.secession-verlag.com

Gestaltung, Typographie, Satz und Litho :

KOCHAN & PARTNER, München

Druck und buchbinderische Verarbeitung :

Friedrich Pustet KG, Regensburg

Papier Innenteil : Fly 05, 100 g/qm

Papier Überzug : Curious Matter Goja White, 125 g/qm

Papier Vorsatz : Pop Set Old Gold, 120 g/qm

Gesetzt aus 9/13 Cordale regular/italic

Printed in Germany

ISBN 978-3-905951-43-1

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Die Übersetzung wurde gefördert

vom Finnish Literature Exchange FILI.

DAS IST DAS AUTO – DAS VON NISSI GEBAUTE

MARJA-LIISA

Mir kommen die Tränen. Ich gehe über den Hof. Man hat mich öffentlich gedemütigt, entblößt. Die Mädchen stürmen auf mich zu.

– Frau Lehrerin, Frau Lehrerin !

Mein Gesicht zeigt keine Spuren. Ich lächle. Bald werde ich kein Lächeln mehr haben, keine Freude mehr an den Blicken der Kinder.

Ich fühle keine Scham, denn ich kann gar nicht entehrt werden. All die Verachtung kann mich nicht treffen, woher sie auch kommen mag, sie bleibt außen vor. Nur die Tränen kommen. Nicht, weil ich mich schämen würde, sondern der Kinder wegen. Wie viele Blicke auf mich gerichtet sind, und wie sie sich bemühen. Wie schön, wenn die Klasse leise wird. Sie sind so bemüht, und das ist schön. Ihre Gedanken sind bruchstückhaft, ohne klare Konturen, alles dreht sich nur um Alltägliches. Doch das Vertrauen der Kinder berauscht mich geradezu. Sie werden ihren Weg schon finden.

– Frau Lehrerin, ich bin fertig.

Dann ganz schnell in den Flur, auf den Hof, in die Sonne.

Ich fühle mich irgendwie lächerlich, aber es lohnt nicht, irgendeiner Sache nachzutrauern. Ich gehe über den Hof, bergab. Ich muss einfach weg.

Irgendwo in mir bricht sich etwas Bahn. Ich wandere auf dem schmalen Grat von Wahnsinn und Verdammnis. Daneben gibt es nur eine große Leere. Aber genau deshalb habe ich keine Angst vor dem Hier und Jetzt.

Sie wollten mich. Sie haben mich mit ihren Blicken entkleidet und mich mit Riemen auf die bloße Haut geschlagen.

Die Tränen kommen. Sie fließen wie das klare Wasser eines Baches, so, wie die Wellen der Lust über meine Schenkel fließen. Jetzt bin ich auf der Straße. Ich spüre noch einmal, wie sich Voittos Wärme in mir ergießt. Und ich habe keine Angst.

ICH

Ich steige die Feuerleiter hinauf bis zum Rand des Daches. Putte ist schon oben, er geht übers Dach, stolpert kurz, richtet sich wieder auf. Das Blechdach kracht unter seinen Schritten. Ich steige weiter hinauf, bis aufs Dach, ich gehe ganz vorsichtig und setze mich rittlings auf den First. Von hier oben sieht es sehr seltsam aus.

Ganz breit und flach liegt dort unten der Supermarkt Elanto. Das Verbindungsdach zum Flachbau scheint fast den Boden zu berühren. Nissi behauptet, neulich sei jemand vom Zentralturm gesprungen. Hat einfach losgelassen und ist runtergeknallt in den Tod. Daran darf man hier nicht denken. Das drückt einem die Luft ab.

Auf der anderen Seite spielen die Kleinen aus unserm Haus Seilhüpfen. Im Hof von Elanto steht ein Lieferwagen für Brote. Ich klettere langsam hinunter, auf halber Höhe trete ich beinahe noch an einer Sprosse vorbei. Ganz langsam komme ich auf die Höhe des Verbindungsdachs. Ein Gefühl der Erleichterung, hier entlangzugehen. Von hier aus kann man schon springen.

Merja ist bei den anderen Mädchen. Nissis Schwester Hanna, die mit dem Kuhblick, ist auch da. Nissi hat viele Schwestern, aber sie sind ihm egal. Sirkka ist wie eine kleine Katze, und Kirsi ist sehr gut in der Schule. Sie versucht immer, wie eine Erwachsene zu sprechen. Merjas großer Bruder heißt Juha Kauranen. Ykä nennt ihn Bauer. Er hat eine Menge Comic-Hefte. Tex Willer, Adler der Nacht, ist immer schnell mit der Pistole. Der bärtige Kerl trinkt immer Rum und hat ein breites Gesicht.

Im Hof von Elanto liegen tote Fische. Klein-Keke fragt, ob sie in den Pfützen gelebt haben. Sie sind tot, sie sind gestorben, genauso wie die Menschen und wie die Fliegen. Man darf nicht sterben. Man muss lächeln. Sonst stirbt alles.

KOJOTE

Oben auf dem Hügel, da, wo Linkku wohnt, rauschen die großen Bäume. Ich kann die Mutter hören, wie sie sich in der Nähe des Holzschuppens bewegt. In den Hochhäusern mit den großen Fenstern, in die man hineinschauen kann, ist schon Licht. Gleich fliegt dort eine Supermarine Spitfire vorbei. Sie schießt schon, in die Fenster hinein : Peng ! Peng ! Kabumm ! Bauer trägt eine Gasmaske. Bei seinem Anblick möchte man schreien. Von den Dächern der Häuser in der Kaskenkaatajastraße sieht man fast bis zum Meer. Ykä sagt, alles hier sei früher Meeresgrund gewesen. Der Wind zerschneidet die Luft, berührt das Gesicht, dem kann man nicht entfliehen.

Die Träume kommen einfach über mich. Ich spüre, wie vertraut sie mir sind. Ich liege hier in meinem Bett und lasse sie kommen, lasse sie einfach kommen. Ganz oben auf dem Felsvorsprung steht ein einsamer Wanderer mit einem dreckigen Filzhut und einem Stab in der Hand. Das Feuer und das Wasser der Bibel. Ich spreche Moses an. Er aber brüllt und brummt etwas Unverständliches. – Jetzt nehmen wir den Psalm so und so vor, sagt die Lehrerin. Ich kann mich nicht erinnern. Ein komischer Geruch schwebt um die Lehrerin. Ihr müsst die Hausaufgaben machen, sagt sie. Wieso ? Warum ? Wen kümmert es ? Es sind immer dieselben Träume, sie sind mir so vertraut.

Immer derselbe Traum. Die Müllwagen fahren die leeren Straßen entlang. Sie kommen von überallher, sammeln immer neuen Müll. Das Meer schwemmt lauter altes Zeug an Land, Eimer, Brillen, Plastikschaufeln, hölzerne Autos, Gitarrensaiten, Schaumstoff, Milchtüten, Matratzen, Zahnprothesen. Die Menschen klammern sich an diese Sachen, probieren mal die Zähne aus, stellen Stühle unter ihre Ärsche.

Da kommt jemand. Wer zum Teufel kommt denn jetzt ? Ist es Mutter ? Ja, es ist Mutter. Und, Gott verdammt noch mal, noch jemand anderes. Wieder irgend so ein Sack mit ihr. Wer, wessen, wem, wen ? So skandieren wir in der Klasse. Er, seiner, ihm, ihn ? Ich bleibe hier, wer auch immer es sein mag. Der, dieser, dieses, diesem, diesen. Wir, unser, uns, uns.

– Ach, hier wohnst du. Nicht schlecht, wenn man ein eigenes Haus hat. Immerhin, ein eigenes Haus. Was ? Du hast einen Sohn ? Bist ja keine Jungfrau mehr, verdammter Mist !

– Na, du denkst doch nicht etwa, ich hätte das Ding nur zum Pissen benutzt. Komm schon !

– Na, dann Hallöchen ! Und der Junge geht raus, wenn wir mit dem Bumsen anfangen. Das ist hier kein Volksfest. Wo hast du denn den Schnaps ? Und du Scheißlümmel, scher dich raus ! Oder wie ? Hau ab, verflixt, raus in die Nacht.

Ich liege ganz unbeweglich und halte still. Ich rühre mich nicht. Mutter sieht verstört und unsicher an mir vorbei. Der Sack kommt keuchend in meine Nähe. Fängt an zu rempeln.

– Nun komm schon ! Mach, dass du hier wegkommst !

Plötzlich kotzt mich alles an. Ich versuche, ihm eins auf die Schnauze zu geben, und treffe seine Backe richtig gut. Er aber wird wütend, fällt über mich her und brüllt. Sucht etwas zu packen, findet vor dem Herd ein Holzscheit und los geht’s. Der erste Schlag trifft auf die Decke, die ich ihm entgegenwerfe. Dann aber zielt er direkt auf meinen Kopf, ich ducke mich weit hinunter und versetze ihm einen solchen Stoß, dass er auf dem Boden landet. Ich schlage ihm ins Gesicht, es ekelt mich an. Gottverdammt, ich schlage mit voller Kraft. Dann aber gelingt ihm ein richtig guter Schlag. Es ist, als ob mein Ohr platzen würde, und der ganze Kopf dröhnt. Ich möchte atmen, doch er schlägt schon wieder zu, trifft die Hände, aber ich spüre gar nichts. Ich renne auf den Hof, und mein Arm tut scheißweh. Er muss gebrochen sein. Der ganze Arm kaputt. Es tut so weh, wenn ich versuche, den Arm anzuheben. Ich kann ihn nicht bewegen. Ach, was das bloß wieder ist.

Ich laufe hinaus, um den Hof herum. Vom Feld zieht der Geruch des Schweinestalls herüber, wirklich widerlich, aber es berauscht mich. Ich gehe in die andere Richtung. Die Bäume sind fest im Boden verankert. Ihre Schatten sind überall. Ich atme tief ein.

PENA

Die ganze Clique geht in den Wald. Ykä geht voraus. Er kommandiert die anderen die ganze Zeit herum. Zuerst geht es an der Kabelfabrik vorbei, dann bergab, den alten Kanonenweg entlang.

Überall Baustellen. Wir sind noch immer ganz hoch oben. Ich schaue den Abhang hinunter, wo die Schottermaschine steht. Dort geht es steil hinab. Klein-Keke fängt an zu schubsen.

– Lass uns doch mal sehen, wie das Dickerchen vom Felsen runterplumpst.

Der Kerl spinnt total. Zum Glück kommt Ykä zu Hilfe.

– Jetzt hörst du damit auf oder du kriegst mal richtig eins auf die Schnauze.

Ykä zieht mich vom Felsvorsprung weg. Als er merkt, dass ich völlig außer Fassung bin, bringt er mich auf einem Stein zum Sitzen.

– Na gut, willkommen im Klub !

Die Steine werden von einem Laster in die Schottermaschine geschüttet. Sie fallen laut polternd und donnernd in den Schacht hinein und kommen als Schotter heraus. Wir schauen das eine Weile an, und niemand sagt was. Dann geht Ykä wieder voraus. Zwischen den Bäumen blitzt Wasser auf. Das Meer kann es nicht sein. Vorne gibt es eine große Baustelle. Da wird eine Schule gebaut, sagt Ykä. Wir überqueren die Heide am Kiefernwäldchen, und vor uns liegt eine große Sandgrube. An der gegenüberliegenden Seite steht eine rote Baubaracke, und in der Grube kreisen die ganze Zeit Lastwagen.

– Hier entsteht das Zentrum von Tapiola. Das rote Haus ist das Büro der Wohnungsbaugesellschaft.

Ykä weiß immer mehr als die anderen.

Auf dem Boden der Sandgrube gibt es viele große Wasserlachen. Irgendein Kerl läuft in der Grube hin und her. Er hat ein weißes Netz in der Hand, fängt Schmetterlinge damit oder auch was anderes.

– Hey, was machst du denn da ?

Ich sammle Insekten. Schaut euch das mal an.

Er hat all die Siebensachen eines Sammlers, die Hülsen und die Nadeln. Er holt etwas aus dem Netz. Es ist kein Schmetterling, sondern eine Bremse. Er durchsticht sie mit einer Nadel.

– Solltest du dafür nicht Äther dabeihaben ?

– Das hier ist der schärfste Moment. Seht mal, wie sie sich vor Schmerz windet.

Doch eigentlich sieht man gar nichts. Man hört nur ein leises Knacken, der Körper der Bremse zuckt einmal kurz und kaum wahrnehmbar. Dann bleibt sie in der schmutzigen Dose liegen.

– Überhaupt sind Schmetterlinge nicht die besten. Wenn man eine Bremse tötet, fühlt man das bis in den Gaumen und bis in die Augen.

Der Kerl nimmt seinen Kescher und fängt an, ihn durch einen der Tümpel in der Sandgrube zu ziehen.

– Was willst du denn da schon fangen ?

– Egel. Seht mal hier.

Im Netz stecken mehrere Egel. Der Kerl nimmt sie in die Hand und wirft sie in die Dose.

– Ich hab’ das Sammlerzeug von meinem Alten bekommen. Der war in den Staaten und hat’s von dort mitgebracht. Ich fang’ gar nicht erst an zu sammeln, scheiß drauf. Aber die Egel hier sind toll. Wir sitzen eine Weile herum. Dann fragt Ykä den Kerl nach seinem Namen.

– Sie nennen mich Stockfisch. Ich wohne im Westend. Mein Alter ist ein Bonze.

ICH

Da kommen sie, die Kannibalen, und verteilen sich über das ganze Gelände.

Wir stehen oben auf dem höchsten Punkt.

Ykä ist auf einen Baum geklettert und fängt an zu schreien :

»Sie kommen ! Sie kommen schon auf uns zu.«

Klein-Keke fuchtelt mit einer Riesenholzlatte herum, droht und schneidet Grimassen. Pena hingegen blickt sehr ernst drein. »Lasst sie nur kommen. Wir werden kämpfen.«

Die Kannibalen bereiten sich auf den Angriff vor. Sie sind mit allem nur möglichen Zeug bewaffnet : Bögen, Schwerter, Latten, Stöcke. Sie kommen von hinten über den Steilhang, wo man gerade die neuen Häuser gebaut hat. Überall verstreut liegen dort im Sand noch immer die Streichholzschachteln der Bauarbeiter, und auf allen strahlt eine rote Sonne. Ganz in der Nähe der Neubauten stapeln sich haufenweise Bretter. Sie duften nach frischem Holz.

Ein Schuster hat im Kellergeschoss des Neubaus bereits einen Laden eröffnet, und auf dem Hof eines Reihenhauses sind schon Büsche und Ahornhecken zu sehen, die man dort gepflanzt hat.

Ein Haufen Kannibalen. Einige sehen aus wie Schweine. Große, dicke Kerle mit rosafarbener Haut, die durch das helle Haar hindurchschimmert. Und da sind noch zwei Kerle, die Gesichter voller Sommersprossen, die sehen total gefleckt aus. Einer ist ungewöhnlich groß und dürr. Der andere, ganz klein, ist ständig in Bewegung. »Seht mal diese Bande an ! Total verrückte Truppe!«

Der kleine Kerl rennt in irrem Tempo auf uns zu.

»Passt auf ! Das ist Bakterie !«, schreit Pena.

Der Kleine hält in einiger Entfernung von uns plötzlich an. Wie grimmig er ausschaut ! Richtig böse.

Die übrigen Kannibalen kommen jetzt auch näher. Sie tauchen in das Getreidefeld ein und sind nicht mehr zu sehen. Dann sind sie auf einmal ganz dicht vor uns. Mit unseren Stöcken und Schwertern schlagen wir sofort auf sie ein. Ich bekomme einen Schlag auf die Hand. Es tut ziemlich weh. Ykä springt vom Baum herunter und verteilt mit einer Holzlatte schnelle, fast elegante Schläge. Die Wilden weichen ihm aus und gehen auf Abstand. Pena sieht, dass nun die richtig großen Kerle auf uns zulaufen. Sie sind fast doppelt so groß wie wir. Es läuft mir vor Angst kalt den Rücken hinunter.

Ykä ruft : »Zurück in den Schützengraben !« Wir machen kehrt und springen hinein. Die Mauern dort sind noch im letzten Krieg gebaut worden. Es sind richtige Gefechtsstände, in den Bunkern gibt es Plätze für Maschinengewehre und an einer Stelle einen unbeschädigten Unterstand. Ich laufe ein Stück den Graben entlang und springe in der Nähe der Scheune hinaus. Dabei verbrenne ich mir die Beine an den Nesseln, laufe aber weiter. Auf einmal sehe ich Ykä unterhalb des Hügels. Er kämpft mit zwei Kannibalen, kann sie aber gut abwehren.

»Warum zum Teufel läufst du weg ?«

Ich nehme mein Schwert in die Hand, laufe hinunter und greife Bakterie an.

Er verteidigt sich verbissen, sucht aber zugleich nach einem Fluchtweg, läuft plötzlich schnell auf die hintere Wiese und verschwindet ganz aus meiner Sicht. Ich laufe ihm nach, doch dann steht auf einmal der ganze Trupp Wilder vor mir. Sie umlagern mich, und ich möchte am liebsten heulen. Dreimal wird Hektor von Achill um Troja herumgejagt. Er fürchtet sich vor Achill mit seiner strahlend himmelblauen Rüstung. Er hat schreckliche Angst. Der Tod kennt keine Gnade. Das Schattenreich, der Hades. Zumindest ein Ort, ein Platz. Sie nehmen mich gefangen und versuchen, mich in Richtung Getreidefeld zu verschleppen.

»Was machen wir mit diesem Kerl ?«, fragt einer der Kannibalen und schaut mich böse an. »Wir verprügeln ihn, schlagen ihn am besten grün und blau«, meint ein anderer.

Aber plötzlich spüre ich, dass es nicht so ernst gemeint ist. Sie lassen von mir ab und gehen einfach fort. Ich mache mich auf den Heimweg über das weite, weite Feld.

MARJA-LIISA

Es war anfangs alles so bedrückend. Wie kann ich nur so schamlos sein ? Mein sündiger Körper, mein sündiges Fleisch – eine schrecklich schwere und zugleich wunderbar schöne Last. Der hölzerne Christus am Kreuz hat für mich immer nur das Leiden verkörpert. Ein erstarrtes Lächeln auf dem Altarbild. Ich kann ihn nicht lieben.

Als Voitto ruhig die Klasse betrat, ging ich ihm mit geöffneten Armen entgegen. In mir erklangen die silbernen Saiten einer Harfe. Geh aus mein Herz und suche Freud, sang es in mir. Und selbst die geschäftigen Ameisen später auf dem Schulhof : als ob sie zu mir kommen wollten, um mir etwas zu sagen.

Ich will das alles in einem Gedicht festhalten.

Unbemerkt wächst in mir die Lust empor, und jegliche Trauer ist verflogen.

Nein. Nein. Nein ! Ich will es nicht, ich wehre mich dagegen. Sündiges Fleisch – die Liebe Christi ! Wo aber ist im Altarbild die Freude ?, das Verstehen ?, die Lust ?

Ich habe keine Angst.

Immer überschreiten Menschen Grenzen, auch in Richtung Tod.

Nur – was hatte Gott im Sinn, als damals die Bomben auf unseren Hof fielen ?

Ja – Gott stellt uns auf die Probe, aber er verlässt uns nicht.

Voitto, Voitto. Was tust du mir an ? Was machst du mit mir ? Und was tue ich dir an ?

Ich schäme mich deiner nicht.

Du bist ein Junge, fast ein Kind, und doch schon ein Mann. Mehr als sonst jemand.

Nein. Nicht dorthin, bitte nicht.

Kommt jemand herein, sieht man mich hier : nackt, meine entblößte Scham und auch meine Begierde, mein mächtiges Verlangen, die Schande, den Skandal, die Unzucht … Doch diese Begierde, dieses Verlangen, ist zu köstlich.

Ich war doch immer standhaft. Gott der Herr hat die Worte in mir verankert. Warum denn nicht diese festliche, tiefe, alles durchdringende Inbrunst ?

– Ach, Voitto, Voitto !

Jesaja, Ezechiel, all ihr Propheten, die ihr gegen die Hurerei predigt – der Leidensschrei eines Tieres, tausend brüllende Stimmen. Das hier ist Freude und Verdammnis zugleich. Es gibt keinen Unterschied.

Und ich bin standhaft.

ICH

Wir gehen am Feldrand entlang. Putte als Erster, dann Nissi und ich.

Merja kommt in einiger Entfernung hinterher. Der Schierling steht schon in voller Blüte. Er ist voller Gift.

Bilder von Fabrikschornsteinen auf den leeren Zigarettenschachteln, die überall auf dem Weg liegen, aber schon ganz verschmutzt sind, voller Erde und Müll, sodass sie zum Sammeln nicht mehr taugen.

Eine Krähe fliegt über den Feldrand und setzt sich auf den Ast einer Fichte. Ihr Krächzen klingt so, als ob es an uns gerichtet wäre. Putte wirft einen Stein nach ihr, trifft aber nicht mal annähernd.

Wir schlendern über das Getreidefeld und kommen an eine allein stehende Kiefer, auf die man leicht klettern kann. Putte hängt sich eine Weile mit ausgestreckten Armen an einen großen Ast, um sich schließlich mühelos hinaufzuziehen und sich draufzusetzen. Nissi versucht, es ihm nachzumachen, aber irgendwie plump. Nissi ist sehr groß und trägt einen merkwürdig geschnittenen Mantel, der eher aussieht wie die Jacke eines alten Mannes.

Ich habe keine solchen Hände wie Putte. Sein Alter ist Boxer, und Putte hat viel Kraft. Ich muss mich wirklich anstrengen, um auch auf den großen Ast zu kommen.

Merja lacht über uns. Sie läuft immer hinter den Jungs her, und wenn man nicht aufpasst, zieht sie dir die Hosen runter. Einmal hat sie das auch mit mir gemacht. Es kam mir komisch vor, vor diesem Küken mit nacktem Po dazustehen. Sie hat lachende Augen. Jetzt kommt sie zu uns rüber, um sich auch auf den Ast zu setzen.

Nissi ist immer irgendwie beschäftigt. Wenn er spricht, erinnert das ein wenig an einen Sportkommentator, irgendwie bedeutend.

– Man sollte ein paar Latten von der Baustelle holen, dann könnten wir mit dem Bauen beginnen.

– Man kann aber jetzt noch nicht hin. Da sind noch die Bauarbeiter. Man muss bis zum Abend warten und dann auch auf den Wächter aufpassen.

Putte hat immer was zu tun, aber er hört sich nie begeistert an. Dagegen ist Ykä immer Feuer und Flamme. Es lohnt sich immer, mit Ykä mitzugehen, wenn er etwas vorhat. Doch Putte hat oft kein Interesse und Nissi will er nie mitnehmen. Ykä sagt immer, was er von den anderen hält, dass Putte ein gutes Auge habe für das Spiel, während Klein-Keke keine blasse Ahnung vom Kicken habe. Manchmal sagt er auch etwas über mich, dass ich schnell sei, aber über mein Spiel sagt er nichts.

– Seht mal die Typen da !

Putte zeigt in Richtung Wald.

– Da kommen Pontero und Luiro.

Pontero watschelt vorneweg in Richtung Unterstand. Sie trägt eine Hose mit Hosenträgern, und ihr Arsch sieht wirklich mächtig aus. Luiro taumelt hinter ihr her. Man kann sehen, dass er total blau ist.

»Wollen wir sie ärgern ?«

Wir laufen alle ein wenig vom Unterstand weg und warten. Als Luiro die Tür zum Unterstand öffnet, ruft Nissi laut auf Schwedisch :

»Blödmann !«

Luiro dreht sich um und macht ein paar Schritte. »Was zum Teufel ist hier los ?«

Nissi ruft wieder.

»Blödmann !«

»Was zum Teufel ? Verflucht noch mal !«

Luiro kommt auf uns zu, bewegt sich aber nur langsam. Wir laufen los. Immer wenn Luiro wieder zu sehen ist, ruft Nissi.

»Blödmann !«

Luiro folgt uns bis auf unseren Hof. Als er um die Ecke in die Kaskisstraße einbiegt, laufen wir schnell hinunter in den Keller, verriegeln die Tür zum Bunker. Luiro kommt noch nicht mal bis zur Treppe.

Wir gehen wieder in den Wald auf die Landspitze. In einiger Entfernung gehen auch Nissi und Putte und verschwinden irgendwo hinter der Scheune. Merja geht mit mir.

Nach der asphaltierten Straße läuft man jetzt so viel leichter, auf einem kleinen Pfad durch die Wiesen. Am Wiesenrand wachsen Pflanzen mit riesigen Blättern. Sie sehen aus wie Rhabarber. Merja hat ihren Hund dabei.

– Los, Rinti ! Los !

Zuerst scheint es, als würde der Hund alles verstehen. Er läuft immer dorthin, wohin ich zeige. Aber dann kapiert er gar nichts mehr. Er läuft weg, irgendwohin in Richtung des Hügels von Linkku, und bald verlieren wir ihn aus den Augen. Wir müssen versuchen, ihm hinterherzulaufen.

Gerade als ich Rinti rufen will, flüstert Merja :

»Schscht … scht … guck mal, Mensch, guck mal, was da ist.«

Auf dem Boden liegt so etwas wie ein Riese, der sich seltsam aufbäumt, sich hin- und herbewegt. Da sind zwei Ärsche zu sehen. Irgendwie merkwürdig übereinander : Pontero und Luiro.

Merja duckt sich tief ins hohe Gras.

Da fangen sie an zu brüllen. Zuerst kommt nur ein kurzes Gebell aus dem Mund von Pontero. Dann das »Fick mich ! Fick mich !«.

Am Ende schreit sie wie ein Tier.

»Was ist denn mit ihr ? Stirbt sie jetzt ?«, flüstert Merja.

»Es ist schon alles okay mit ihr. Das ist Ficken.«

Merja hockt ganz in der Nähe und ist ganz still.