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Projekt@Party

Beqë Cufaj

ROMAN

Aus dem Albanischen von Joachim Röhm

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Die Herausgabe dieses Werkes wurde gefördert durch

TRADUKI,

ein literarisches Netzwerk, dem das

Bundesministerium für europäische und internationale

Angelegenheiten der Republik Österreich,

das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland,

die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, KulturKontakt Austria,

das Goethe-Institut, die Slowenische Buchagentur JAK,

das Ministerium für Kultur der Republik Kroatien und die

S. Fischer Stiftung angehören.

Man schoss aus den Fenstern.

Wir traten die Türen ein.

Das Zimmer des Herrn war weit offen. Das Zimmer des Herrn war hell erleuchtet, und der Herr saß da, ganz ruhig … und die Unsrigen blieben stehen … es war der Herr. Ich trat ein. Du bist es, sagte er ganz ruhig zu mir. Ich war es, gerade ich, der gute Sklave, sagte ich ihm, der treue Sklave, der sklavische Sklave, und plötzlich waren seine Augen zwei verängstigte Schaben zur Regenzeit… Ich schlug zu, das Blut spritzte: das ist die einzige Taufe, an die ich mich heute erinnern kann.

AIMÉ CÉSAIRE

Et les chiens se taisaient

zitiert in Frantz Fanon: Die Verdammten dieser Erde

I

Das laute Poltern, mit dem die Germanwings-Maschine, über deren rötlichen Rumpf sich in großen, schwarzen Lettern die Werbeaufschrift Mhhhh, Baden-Württemberg zog, ihr Fahrwerk ausfuhr, zeigte uns, dass die Landung bevorstand. Nach einem ruhigen Flug teils über weißen Wolken, teils bei klarem, blauem Himmel, in dessen Verlauf sich durch die schmalen Fenster ein herrlicher Blick auf die winterlichen Landschaften geboten hatte, mussten wir nur noch die jetzt dunkle Wolkendecke durchstoßen, um schließlich auf dem Boden dieses fremden Landes aufzusetzen. Nur wenige, sehr wenige Turbulenzen störten den Anflug. Ohne dass noch irgendetwas Beunruhigendes sich ereignet hätte, berührten die Räder quietschend den Beton, das Flugzeug rollte weiter bis zum Ende der Landebahn, vollführte eine leichte Wendung und hielt an. Noch immer war ein Rest kläglichen Kindergeschreis zu vernehmen. Die erwachsenen Fluggäste hingegen, die in ihren Blicken und im Tonfall ihrer Unterhaltungen bis zum Augenblick der Landung eine geradezu furchterregende Ruhe bekundet hatten, änderten schlagartig ihr Verhalten und fingen an, sich mit lauter Stimme darum zu streiten, wer zuerst seinen Mantel, seine Tasche oder irgendwelche anderen Dinge aus der Ablage über den Sitzen nehmen durfte. Manche trugen ein Lächeln auf den Lippen, während sie sich energisch vordrängten, um am Ausgang unter den Ersten zu sein. Lediglich eine Frau war sitzen geblieben und gab dem Säugling auf ihrem Schoß ihre große, weiße Brust. Erst in diesem Moment begriff ich, dass es für mich tatsächlich kein Zurück mehr gab. Nein. Ich musste mich unwiderruflich auf dieses Land einstellen, das mir in diesem Augenblick, da ich mich anschickte, seinen Boden zu betreten, als das gelobte erschien, wenn ich auch, als ich die ersten Schritte tat, mich umblickte, die kalte Luft einsaugte und auf etwas Unerklärliches stieß, das in der Luft hing, irritiert war … Ich verstand nicht, was mit mir vorging. In einem ganz gewöhnlichen Land. Ein hektisches Hin und Her um mich herum, hektisch auch die Grenzkontrollen. Menschenschlangen und Gelärme in der niedrigen Halle des schäbigen Flughafengebäudes, das sich Terminal nannte. Alle wirkten irgendwie befreit. Bewegt. Sie waren in ihrem Heimatland angekommen. Wir dagegen, außer mir vermutlich auch einige andere, derer ich noch nicht ansichtig geworden war, fühlten uns ein wenig hilflos. Wir mussten dieses fremde Land, über das wir bisher nur gehört und gelesen hatten, erst noch kennenlernen. Wir mussten ermessen, wo wir waren und wie es uns erging. Ich war jetzt da unten. Und ich musste an dort, an das ferne Oben denken. Jedoch war nichts mehr zu bedenken. Es gab keine Umkehr mehr. Ein Schritt folgte auf den anderen. Alles musste zügig geschehen. Jeder rückwärtsgerichtete Gedanke hinderte mich, vorwärtszuschreiten. Zwar wusste ich nicht, wohin es ging und wie. Doch das war jetzt auch nicht so wichtig. Wie in einem flüchtigen Traum überschritt ich die Grenze zwischen hier und dort.

Draußen stand der Bus. Ich stellte fest, dass ich tatsächlich nicht der einzige andere, der einzige Ausländer im Flugzeug gewesen war. Es gab wenigstens acht von meiner Sorte. Wir wurden von einem Menschen erwartet, der ein Schild mit der Aufschrift UN hochhielt. Wir traten auf ihn zu. Es kam mir so vor, als seien wir ein paar Bettler, die diesen offenbar einheimischen Menschen um ein Almosen angingen. Jedenfalls führte er sich auf, als habe er es bloß mit Nummern ohne irgendeine Bedeutung, irgendeinen Wert zu tun. Oder mit einer Schafherde, die endlich ihren Hirten gefunden hatte. Der respektlose junge Mann hielt das Schild mit der Aufschrift UN nun fest in der linken Hand, während er mit der rechten einen Zettel aus der hinteren Hosentasche zog, von dem er mit rauer und gepresster Stimme unsere Namen ablas. Jemand fehlte. Jemand namens Lars. Lars Swartz. Ein Schwede. Der junge Mann, unser Hirte, wies mit dem Finger auf unseren Bus, den wir allerdings schon selbst entdeckt hatten. Er musste ja notgedrungen auf den Schweden warten, falls der überhaupt noch kam. Wir nahmen Platz in dem, was eher Kleinbus als Omnibus genannt zu werden verdiente, und warteten. Während wir warteten, beobachteten wir die Menschenmenge vor dem Flughafeneingang. Verwandte wurden mit Umarmungen, Schluchzen und Freudenrufen empfangen. Ich verstand nicht ganz, was sich dort abspielte. Auch wenn es sich mir nicht erschloss, so ahnte ich doch, dass bei der Begegnung zwischen Ankömmlingen und Wartenden ein schmerzliches Verlangen unter Lachen und Weinen verging. Das war verständlich. In diesem Land hier unten hatte ein schrecklicher Krieg stattgefunden, Tausende von Menschen waren im Verlauf weniger Monate umgekommen. Nun kehrten jene, die sich in Sicherheit hatten bringen können, in ihre Heimat zurück, um inmitten von Zerstörung und tiefen Wunden ihr Leben fortzusetzen oder wenigstens ihre Verwandten zu besuchen und zu unterstützen. Eine solche Gefühlslage war mir selbst fremd. Durch das schmutzige Fenster im rückwärtigen Teil des Kleinbusses sah ich, wie die Mutter, die im Flugzeug ihr Baby gestillt hatte, von einer alten Frau mit Kopftuch und einem alten Mann mit Filzkappe in Empfang genommen wurde, die ihr eilig den Säugling abnahmen, um ihn zu herzen. Fast zur selben Zeit erblickte ich auch, wie unser junger Mann jemandem die Hand drückte, bei dem es sich wahrscheinlich um den gesuchten Schweden handelte. Der Fahrer verstaute den Koffer des Neuankömmlings unter meinem Sitz. Dann zwängten sich die letzten beiden Fahrgäste zu uns herein. Der Schwede kam geradewegs auf mich zu. Wahrscheinlich war es die Sorge um sein Gepäck, die ihn herzog. Mit einem etwas gekünstelt klingenden »Hallo« setzte er sich neben mich auf die Bank. Der Fahrer startete den Motor unseres Transportmittels, während ich wieder einmal eine jener großen, an meiner Würde zehrenden Enttäuschungen erlebte, hatte ich doch erwartet, es werde eigens für mich eines dieser großen, weißen Autos kommen, wie sie im Fernsehen und in den Zeitungen gezeigt werden, um mich in die Innenstadt zu befördern. Stattdessen saß ich nun zusammen mit acht Tölpeln aus aller Herren Länder in einem schäbigen Kleinbus, und nicht nur das, die anderen waren auch noch geschickter als ich gewesen, denn praktisch jeder von ihnen hatte eine Sitzbank für sich allein erobert, während ich mir eine mit diesem Burschen teilen musste. Diesem merkwürdigen Schweden. Ich wusste nicht, ob der Blick, den er mir zuwarf, mich dazu veranlassen sollte, ein Gespräch zu beginnen, oder ob er meine nationale Zugehörigkeit zu ermitteln suchte. Möglicherweise wollte er auch nur, dass ich mich zurückbeugte, damit er mehr von der Landschaft hier unten mitbekam. Wortlos verständigten wir uns darauf, einander nicht weiter zu behelligen.

Die Schlaglöcher auf der schmalen Landstraße schleuderten uns hin und her, was mich und vermutlich auch die anderen Passagiere allerdings nicht daran hinderte, auf die wenigen kahlen Hügel hinauszuschauen. Einige meiner Mitreisenden tauschten Kommentare aus. Welch eine bedrückende Landschaft! Dieses seltsame Grau! Die Schneehauben auf den bräunlichen Buckeln machten den Anblick nicht erträglicher. Der Flughafen, auf dem außer der Maschine, mit der wir angekommen waren, auch noch ein paar Hubschrauber vom Typ Apache herumstanden, blieb hinter uns zurück. Ich fragte mich, warum ich die Kühe, Schafe und Pferde, die zwischen den Flugzeugen grasten, nicht schon früher wahrgenommen hatte. Was fanden die Tiere hier mitten im Winter bloß zu fressen? Vielleicht hatte man sie auch nur ins Freie gelassen, damit sie etwas frische Winterluft schnappen konnten. Inzwischen hatte mich ein, wenn auch unbestimmtes, Wohlgefühl überkommen, weil ich es geschafft hatte, ein durchaus nicht leichtes Kapitel meines Lebens abzuschließen. Ich lächelte. Am Straßenrand waren teils noch zerstörte, teils bereits wiederaufgebaute Häuser zu sehen, Kinder rannten in den Höfen hintereinander her, Holzprügel in der Hand, die mittelalterliche Schwerter oder Maschinenpistolen darstellen sollten, träges Viehzeug stand auf den kahlen Flächen links und rechts der Fahrbahn herum … Beklemmende und bis zu einem gewissen Grad bedrohliche Bilder huschten vorbei, doch dies konnte die Hochstimmung, die mich ergriffen hatte, nicht beeinträchtigen. Ich hatte mein früheres Leben hinter mir gelassen, zum ersten Mal war ich ganz bei mir. Ein Ex. Exehemann und Exvater. Exfreund und Exkollege. Exprofessor an verschiedenen Universitäten. Mein Leben lang hatte ich davon geträumt, etwas für die Menschheit zu tun, doch erst jetzt bot sich mir die Chance, etwas Konkretes zu unternehmen.

Meine Mutter war die zweite Ehefrau meines Vaters. Seine erste Frau, eine Jüdin, hatte er während der Nazizeit verlassen, um sich selbst nicht zu gefährden. Über ihr weiteres Schicksal weiß ich nichts. Überhaupt hatte ich erst als Student begonnen, mich mit den fatalen Jahren der braunen Diktatur und des Krieges auseinanderzusetzen, der das Leben von Millionen Menschen auf der ganzen Welt zerstört hatte. Wie so viele meiner Altersgenossen konnte ich meinem Vater sein damaliges Verhalten nicht verzeihen. Ich ließ kein Sit-in, keine Protestversammlung, keine Demonstration aus. Aber wie konnte man verhindern, dass sich diese Tragödie wiederholte? Dazu mussten wir das kapitalistische System stürzen, das sie zwangsläufig hervorgebracht hatte, und ein anderes, besseres System an seine Stelle setzen. Das, was wir gewissermaßen vor der Haustür hatten, drüben in der DDR, entsprach ganz und gar nicht unseren Vorstellungen von einem idealen Staat der werktätigen Menschen. Also glaubten wir Mao Tse-tung, dass die Verhältnisse im sowjetischen Lager auf den Verrat der revisionistischen und sozialimperialistischen Führer am wahren Marxismus-Leninismus und an Stalins Lehren zurückzuführen seien, und wurden zu Stalinisten. Das Heil suchten wir nun in China. Und in Albanien. Ausgerechnet in dem kleinen, abgeschotteten, von der Küste bis in die entlegensten Bergtäler hinein mit Betonpilzen übersäten Albanien, in denen wir aber ein Zeichen besonderer Wehrhaftigkeit im Kampf gegen den Weltimperialismus erblickten. Es dauerte eine Weile, bis wir begriffen hatten, dass es auch in diesem Ländchen nicht anders zuging als im Rest der kommunistischen Welt: Das Volk wurde unterdrückt, erniedrigt und ausgebeutet von ein paar paranoiden Spießern, die um der Erhaltung ihrer Macht willen nicht nur jedes freie oder bloß unbedachte Wort verfolgten, sondern sich, wenn es sein musste, sogar gegenseitig umbrachten. Diese Einsicht versöhnte uns ein wenig mit den Verhältnissen in unserem eigenen Land, auch wenn wir natürlich noch immer nicht mit allem einverstanden waren. So demonstrierten wir zwar nicht mehr gegen das System selbst, sehr wohl aber gegen Missstände wie den Doppelbeschluss der NATO, die Atomkraft und die Rechten. Wir organisierten Fackelzüge und Menschenketten. Legte man Goethes Farbenlehre zugrunde, könnte man sagen, dass wir überzeugungsmäßig zwischen zwei Komplementärfarben gewechselt hatten. Außerdem waren wir inzwischen ein paar Jahre älter, der Überschwang der Jugend hatte nachgelassen und der Alltag forderte seinen Tribut. So fand ich mich eines Tages als Professor mit gebügeltem Hemd und Krawatte in einem geräumigen Büro wieder. Insbesondere die Studentinnen schätzten nicht nur meine Vorlesungen und Seminare, sondern auch mich persönlich. Ich hatte keinen Grund, etwas auszulassen. Sie vereinbarten Termine bei mir im Büro, und wir landeten anderenorts zusammen im Bett. Das ging natürlich nicht ohne Verwicklungen und Eifersüchteleien ab, Spötteleien und hämische Blicke von Mitprofessoren und -Professorinnen, Rektoren und Rektorinnen. Dann aber tauchte Manuela, auch sie an der Universität tätig, in meinem Leben auf. Allen Anfechtungen und ironischen Kommentaren zum Trotz, die Liebschaften im Kollegenkreis in der Regel begleiten, fanden wir uns schließlich in fast strammer Haltung vor dem Standesbeamten des zuständigen Bezirksamts wieder, um öffentlich zu verlautbaren, dass wir gewillt seien, den Bund der Ehe einzugehen. Das Ergebnis dieser Erklärung war Caroline.

Ach, Caro … Natürlich musste ich an diesem Tag in diesem Bus in diesem mir noch unbekannten Land an sie denken. Ihre Geburt hatte vieles verändert. Ich hielt ein Wesen in den Armen, das mein eigen Fleisch und Blut war. Wenn sie weinte, konnte ich nicht schlafen. War sie fröhlich, hatte ich Angst um sie. Ihre ersten Zähne und Schritte werde ich nie vergessen. Ach, wie sie, als wir zum ersten Mal gemeinsam in der U6 nach Degerloch fuhren, mit strahlenden Augen und hochgerecktem Zeigefinger versuchte, mir die Leuchtzeichen zu erklären, die Computerstimme, die auf die nächste Haltestelle hinwies, die ganze Welt! Ihr erster Schultag. Ganz besonders ihre Kastanienaugen. Und dann ihre Krankheit, die zu meiner Krankheit, der Krankheit meines Lebens wurde. Manuelas Anruf kam im falschesten aller Momente. Ich war gerade mit einer meiner Studentinnen beschäftigt, die ihre Hand in meiner Hose hatte und unbedingt wollte, dass ich sie ins Haus ihrer vermögenden Eltern begleitete, um dort den Unterricht zu vertiefen…

»Caro hat wieder Fieber. Es steigt immer weiter, wir müssen sie unbedingt zum Arzt bringen.«

Endlose Therapien folgten. Ihre Klassenkameradinnen und Klassenkameraden kamen zu Besuch. Und da war diese furchtbare Frau, unsere Vermieterin Frau Bloomberg, die mit groben Worten die Freunde meiner Tochter verscheuchte, wenn sie an unserer Tür klingelten. Weinend berichtete Caro, dass ihr Frau Bloomberg ein auf dem Hausbriefkasten abgelegtes Spielzeug weggenommen hatte, weil sie in solchen Dingen schwere Verstöße gegen die Hausordnung sah. In dem dreistöckigen Gebäude war früher der ererbte Zeitschriftenverlag untergebracht gewesen, der sich seit Generationen im Besitz ihrer Familie befunden hatte. Zweck des darin erscheinenden Organs war die Beförderung des Handels mit Edelmetallen und Preziosen gewesen. Es hatte beispielsweise über die in Basel und anderswo abgehaltenen Messen berichtet, auf denen das Gold und die Edelsteine vermarktet worden waren, die man den armen und abhängigen Völkern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens geraubt hatte. Nun wurden die ehemaligen Geschäftsräume des Verlags von in ihren Augen unbedeutenden Leuten wie uns bewohnt. Dieser war ihr abhandengekommen, weil zum einen im neuen Jahrtausend die Ausplünderung der unterdrückten Völker ein wenig schwieriger geworden war, vor allem aber, weil ein paar Großbauern des globalen Dorfes das Unternehmen, das so lange im Besitz ihrer Familie gewesen war, kurzerhand geschluckt hatten. Geblieben waren Frau Bloomberg nur der grämliche Blick einer trockenen Alkoholikerin, ein Sohn von einem unbekannten Vater und natürlich ein Vermögen, das wenigstens in den Augen ihres Gärtners Fritz die Bezeichnung »märchenhaft« verdiente. Caro musste sich immer aufwendigeren Behandlungen unterziehen, im Krankenhaus und zu Hause. Unser ganzes Leben drehte sich um sie. Wenn jemand in der Familie krank wird, ist die ganze Familie krank. Ist der Kranke ein Kind, wird das Leben selbst krank. Es war furchtbar schwer. Nicht nur als sie starb, sondern schon in der Zeit davor, als ihr Blick immer matter und ihre Hand, die in meiner lag, immer kraftloser wurde. Dann war es vorbei. Manuela und ich nahmen uns nach Caros Tod vor, aneinander festzuhalten und gemeinsam einen Neubeginn zu versuchen, aber rasch zeigte sich, wie unbesonnen Versprechungen sind, die Menschen in Momenten großer Verzweiflung abgeben! Caro, unser kleiner Engel, ließ nicht zu, dass wir mit einer Lüge weiterlebten. Zwei Tage nachdem wir sie bestattet und die so gut gemeinten wie künstlichen Beileidsbekundungen von Freunden und Bekannten entgegengenommen hatten, fand ich in meiner Schreibtischschublade einen Zettel mit einer Mitteilung in ihrer Handschrift, ohne den kleinsten Rechtschreibfehler: Papa, ich hab dich lieb! Ich bin bei dir! Du bist mein bester Papa, überall! Darunter hatte sie ein Bild gezeichnet. Was zeichnet ein siebenjähriges Kind? Blumen. Ein Haus. Einen blauen Himmel mit dicken Wolken. Drei menschliche Figuren, jede nur aus einem Strich, Beine, Arme, Hände, Rumpf und Kopf. Das waren wir, Manuela, ich und unser Engel … Zuerst dachte ich an einen bitteren, schrecklichen, bösen Scherz, einen ganz und gar missglückten Versuch Manuelas, mich aufzumuntern. Ich erwähnte den Fund ihr gegenüber nicht, sondern überließ sie ihrer Mathematik, ihrer Arbeit, in die sie sich ganz vergrub. Bei mir war es nicht anders. Immerhin nahm ich mir vor, aus unserer Tragödie Schlüsse zu ziehen, die Universität nicht mehr als Jagdrevier zu betrachten, meine Frau nicht mehr zu betrügen, zu meiner Trauer zu stehen. Und ich versuchte wirklich mein Bestes. Bis mich eines Abends bei der Rückkehr von der Arbeit eine in Tränen aufgelöste Manuela schon an der Wohnungstür empfing. Entschuldigung, Mami! Ich weiß, ich war oft nicht brav. Aber du bist die beste Mami auf der Welt. Entschuldige, Mami! Auch diese Botschaft war in großen Buchstaben geschrieben, auf veilchenblauem Papier, ohne einen einzigen Rechtschreibfehler. In diesem Moment begriff ich, dass Caro nicht gewollt hatte, dass Manuela und ich weiter so nebeneinanderher lebten. Ihre Zettel waren überall. Im großen Bücherregal, zwischen meinen zweihundert »heiligen Büchern«, die mir, wie ich ihr erklärt hatte, mehr bedeuteten als all die anderen, ebenfalls lesenswerten. Unter Kissen und zwischen Decken. Hinter den Bildern, die sie nur anschauen, aber nicht berühren durfte, weil sie so wertvoll waren. Im Badezimmer, wo ihre Mama so viel Zeit verbrachte. Unter dem Sofa, auf dem ich mein Schläfchen zu halten pflegte. (Wie oft war sie zornig gewesen, weil sie mir dabei keine Gesellschaft leisten durfte.) Hatte ich es wirklich verdient, so hart bestraft zu werden? Weshalb war es mir nicht vergönnt, das gewöhnliche Leben eines Kaufmanns oder Schusters zu führen, Wünsche zu haben, Pläne zu schmieden, schlicht: in den gleichen flachen Gewässern herumzuplanschen wie der Rest der Bürger und Steuerzahler in diesem Teil der Welt? Aber vielleicht hatte diese Prüfung ja doch einen Sinn. Vielleicht sollten uns Caros Botschaften zeigen, dass es so nicht weitergehen durfte. Wir konnten unmöglich an diesem verfluchten Ort bleiben, an dem der Schmerz allgegenwärtig war und uns beide auffraß. Es gab keine andere Lösung, wir mussten uns trennen. Wie viele Botschaften uns Caro hinterlassen hatte, erfuhr ich nie. Mit Manuela sprach ich so wenig darüber wie mit dem Türken Ahmet, der mit einigen seiner Verwandten kam, um die Wohnung leer zu räumen und unseren einstigen Besitz, soweit er ihn nicht selbst brauchen konnte, zu Geld zu machen.

Verwundet, wie ich war, musste ich mich neu im Leben einrichten, aber es stellte sich schnell heraus, dass ich nicht zu den Löwen und Tigern gehörte, ja noch nicht einmal zu den Füchsen und Schlangen. Eher glich ich einer im Wasser herumtreibenden Qualle, die in sich aufnimmt, was ihr gerade vor die Tentakel kommt. Mein Meer waren nachts die Bars und tagsüber die Cafés, in denen ich mit zufälligen oder wiedergefundenen Freundinnen und Bekannten die Zeit totschlug. Am Ende landete ich gewöhnlich in der Obhut von Daria, der Griechin aus der Stube, von Aspasea und Jorgo, Griechen auch sie, oder von Manuel, Arslan und Klaus, der mich ein paarmal ohne Bewusstsein in der Notaufnahme abliefern musste. Aber besser bewusstlos als bei mir selbst. Wenn ich in meiner winzigen, unaufgeräumten, ungeputzten, muffigen Wohnung erwachte, stellte ich mir die immer gleiche pathetische Frage: Warum war es nicht auch mir vergönnt gewesen, mit Manuela und Caro ein ganz gewöhnliches Leben zu führen, normale Freundschaften und Feindschaften zu pflegen, im angenehmen Gefühl der eigenen Unbetroffenheit im Fernsehen und im Internet die Tragödien der Menschheit zu verfolgen, mich auf den Freitag zu freuen, wenn ich am Montag meine Arbeit antrat, samstags bei der Sportschau abzuschalten und sonntags beim Tatort meine bürgerliche Seele zu läutern?

Von alledem war ich weit entfernt.

Doch diese Zeit lag nun hinter mir. Ich war dort, wo ich hingehörte. Im Grandhotel, das hier Hotel Grand hieß. Angeblich hatten in diesem sozialistischen Zweckbau Präsidenten und Premierminister übernachtet und gefeiert. Helfer in der Not und Mordbuben, Arbeitswütige und Faulpelze, Zerstörer und Erbauer. Inzwischen glich das Etablissement allerdings einer Ruine. Die Zimmer starrten vor Schmutz, verschlissene Teppiche lagen auf den zerkratzten Böden, die Kühlschränke waren seit einer Ewigkeit nicht mehr gereinigt worden, bleichsüchtige Lampen verrichteten wenig erfolgreich ihren Dienst, wenn man durch die langen, kahlen Flure wanderte, glaubte man sich in die Welt von Kafkas Romanen versetzt, und das gesamte Personal schien der Schwermut verfallen. Da war ich nun, hier unten, ein Fremder in einer fremden Welt, und wusste nicht genau, ob ich mit diesem Schritt nun anderen oder vielmehr mir selbst hatte helfen wollen. Ging es mir um die Leute, die durch die Straßen dieser kalten und abweisenden Stadt strömten, oder um mich selbst, die kleine Nummer, die nicht genau wusste, ob es besser war, beim menschlichen Höllenspiel mitzumachen oder sich herauszuhalten und aufs Zuschauen zu beschränken. Aber solche Fragen ergaben nun keinen Sinn mehr. Ich war angekommen. Es hatte mich zwar in dieses lausige Zimmer eines maroden Hotels verschlagen, aber ich konnte nun nach vorne blicken. Und wer nach vorne schaut, kann auch vorwärtsschreiten. Dies ging mir durch den Kopf, während ich mit geschlossenen Augen dalag und auf den Schlaf wartete.

Was für ein trübseliger Morgen! Als Erstes ging ich zum Fenster und öffnete es. Ich war so müde, dass ich meinen Körper nicht spürte. Aber warum? Schließlich hatte ich nichts Anstrengendes unternommen. Ein übler Gestank erfüllte das verdammte Zimmer, wahrscheinlich eine Mischung meiner Ausdünstungen mit dem Schimmelgeruch der feuchten Wände. Ich befand mich im dritten Obergeschoss des Hotels. Durch das Fenster drang eiskalte Luft herein und stach in meine Haut. Nun nahm ich auch noch einen anderen Geruch wahr: den Geruch dieser Stadt und dieses Landes. Er war mir ganz und gar unvertraut. Es roch brenzlig, nach Kaffee und Zigarettenrauch, aber auch Zerstörung. Ein Hauch von Depression ging von dem Beton und dem Schlamm aus, den ein aus immer noch dicken grauen Wolken strömender Regen über Nacht produziert hatte. Wo man den Blick auch hinwandte, überall herrschte eine schreckliche, widerwärtige Gerüche erzeugende Unsauberkeit. Obwohl meine Augen noch nicht gänzlich aufnahmebereit waren, bemerkte ich, dass in der Nähe des großen Gebäudes, in dem ich die Nacht verbracht hatte, noch zwei oder drei andere von der gleichen Art standen, Plattenbauten aus der Zeit des Sozialismus, von dem auch ich eine Weile lang geträumt und für den ich sogar gekämpft hatte. Ein Sonnenstrahl quälte sich ins Zimmer, wo ich auf meine beiden großen Koffer starrte, die wie schwarze Sarkophage vor mir auf dem Boden lagen. Es war noch nicht acht Uhr, die Hauptstadt dieses Landes schlief noch. Ich zog mich an und ging hinunter. Im Licht des neuen Tages machten die Räumlichkeiten des Hotels und die Kellner, die sich darin umherbewegten, einen noch unangenehmeren Eindruck. Keiner redete mit dem anderen. Die Hotelgäste saßen in dem großen Kellerrestaurant vor randvollen Tellern und schaufelten Rührei, Fleisch, Käse und Tomatenscheiben in sich hinein. Der Kaffee war entsetzlich. Nie in meinem Leben habe ich schlechteren Kaffee getrunken, er schmeckte wie lauwarme Kastanienbrühe. Aber nur wenige Augenblicke später durfte ich den besten Kaffee meines Lebens genießen. Was für ein Unterschied! Das furchtbare Getränk hatte ich als Hausgast ohne zusätzliche Kosten zum Frühstück serviert bekommen, für den wunderbar schmackhaften Kaffee musste ich in der Hotelbar im Erdgeschoss zwanzig Cent bezahlen. Ein Barmann oder Kellner mit gepflegtem Schnurrbart und schmutziger Schürze erteilte mir den »guten Ratschlag nur für besondere Gäste«, Kaffee ausschließlich an der Hotelbar zu bestellen, wenn ich Wert auf Qualität legte. Ich bedankte mich bei Salih, so hieß der Mann, für den überaus nützlichen Hinweis. Ein paar Cent für den besten Mokka meines Lebens! Meine Müdigkeit war nun verflogen und hatte Neugier Platz gemacht. Schließlich lag ein langer Tag voller unwägbarer Ereignisse und neuer Erfahrungen vor mir. Der Tag meines Neuanfangs. Adieu, ihr eingefahrenen Alltagsrituale mit dem wechselnden Wetter als einzig inkonstantem Faktor. Adieu Wirtschaftskrisen, Internetblasen und Börsenkräche in Frankfurt, London, New York oder Tokio. Adieu nytimes.com, perlentaucher.de und spiegel.de. Adieu, ihr Alumni-Treffen mit endlosen Debatten über Irak und Afghanistan, Iran und die USA, zu denen Ströme von Bier flossen. Am Ende war ich irgendwo angekommen, wo man noch etwas bewirken konnte, wo man sich vor allem nicht damit begnügte, vor dem Fernsehapparat zu sitzen und zuzuschauen, wie tapfere Männer und Frauen ihr Leben für das Wohl der Menschheit einsetzten. Adieu Löwenstraße, adieu Pensionen und möblierte Zimmer. Dass ich den Mut besessen hatte, mein altes Leben hinter mir zu lassen, erfüllte mich mit Stolz. Es gab für mich nichts zu bereuen, so schwer mir dieser Schritt auch gefallen war. Ich war glücklich, mein ach so zivilisiertes Heimatland verlassen und mich in eine völlig andere Welt begeben zu haben, obwohl die geographische Entfernung eigentlich nicht sehr groß war.

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