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Primo Levi

Ich, der ich zu Euch spreche

Primo Levi

Ich, der ich zu Euch spreche

Ein Gespräch mit Giovanni Tesio

Übersetzt aus dem Italienischen
von Monika Lustig

Mit einem Nachwort
von Maike Albath

Titel des italienischen Originals:

© 2016, Guilo Einaudi editore, Turin

Erste Auflage

Gestaltung und Satz: Erik Spiekermann

ISBN 978-3-906910-06-2
eISBN 978-3-906910-07-9

Inhalt

Wie ich Primo Levi kennenlernen durfte

Von Giovanni Tesio

Ich, der ich zu Euch spreche

Montag, 12. Januar

Montag, 26. Januar

Sonntag, 8. Februar

Nachwort –

Die Chemie des Romans

Von Maike Albath

Anmerkungen

Wie ich Primo Levi kennenlernen durfte

Der Raum für ein Gespräch
wird durch alpinistische
Anstrengungen geschaffen
.
OSSIP MANDELSTAM,
Gespräch über Dante.1

»Hast du schon eine Gefechtsordnung im Kopf?« Diese Frage wurde am Nachmittag des 12. Januar 1987 im Arbeitszimmer eines Appartements in der dritten Etage des Hauses Corso Re Umberto 75, eine der elegantesten Turiner Prachtstraßen, an mich gerichtet.

Sie kam aus dem Mund eines der gütigsten, duldsamsten Schriftsteller, die die Bühne unseres nicht nur literarischen zwanzigsten Jahrhunderts betreten haben, einer der glaubhaftesten Zeugen von Auschwitz, ein Mann von unbestreitbarer Rechtschaffenheit, der ebenso unbestreitbar Verletzungen in seiner Seele und in seinem Fleisch erfahren hatte: Ein Meister des Laizismus und der Ratio, des Zweifelns und der Infragestellung, aber auch der Klarheit und des Widerstands, der Entschlossenheit und der Tat.

In dem nüchternen, weitläufigen Arbeitszimmer, in einer Wohnung, die aussah »wie viele andere halbherrschaftliche Häuser vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts«2 (wie er in einem Beitrag schrieb, der später in die Glossensammlung Anderer Leute Berufe aufgenommen wurde), stellte Primo Levi mir diese mehr denn je vorhersehbare, mich gleichsam irritierende Frage. Um die Vorhersehbarkeit der Frage als auch meine Verwunderung, als sie mir gestellt wurde, zu begründen, bedarf es vorab einer Erläuterung.

Ich lernte Primo Levi durch die Lektüre von Ist das ein Mensch? kennen, das ich in einer der »Coralli«-Ausgaben von Einaudi aus dem Jahr 1967 las. Zehn Jahre später kam es zur persönlichen Begegnung. Beim Herumblättern in einer den Schriftstellern des Piemont gewidmeten Anthologie3 für den Unterricht hatte ich nämlich eine Entdeckung gemacht: Die von der Herausgeberin gewählte Seite aus Ist das ein Mensch? entsprach ganz und gar nicht dem Text, wie ich ihn aus der »Coralli«-Ausgabe erinnerte. Bei dem anschließenden Vergleich stellte sich heraus, dass eine noch ältere Ausgabe existierte – und die war 1947 im Verlag De Silva erschienen, der von Franco Antonicelli, einer der herausragenden Figuren des Turiner Antifaschismus, im Jahr 1942 gegründet und nur sieben Jahre später wieder eingestellt worden war. Beim Vergleich der Textfassung von De Silva mit der ersten Einaudi-Ausgabe von 1958, die in ihren Nachdrucken unverändert geblieben war, entdeckte ich schließlich, dass es nicht wenige und zudem nicht unerhebliche Abweichungen gab. Also nahm ich all meinen Mut zusammen (auf Piemontesisch gibt es die Redewendung: mettere bon bèch, was so viel besagt wie »gehörig den Schnabel aufmachen«) und rief den Autor an. Der lud mich unverzüglich zu sich nach Hause ein und händigte mir ein Schreibheft aus: ein dickes Schulheft mit olivgrünem Einband, in dem ich den Text der hinzugefügten Anteile überprüfen konnte. Daraufhin schrieb ich einen Essay4, in Wahrheit eine Art Mischform und ganz sicher nicht gänzlich gelungen (ich hatte die dank Silvio Ortona in dem kommunistischen Wochenblatt L’Amico del Popolo in Vercelli bereits veröffentlichten Kapitel nicht berücksichtigt), ein Essay, dem dennoch ein kleiner, feiner Erfolg beschieden war.

In der Folgezeit suchte ich Levi erneut auf, um ihn bezüglich der Textvarianten zu befragen. Und von sich aus übergab er mir sowohl das Heft, das handschriftlich fast alle Kapitel von Die Atempause enthielt, als auch – zeitgleich – den maschinengeschriebenen Text von Der Ringschlüssel, den er für die Drucklegung von 1978 vorbereitet hatte. So war ich mir mehr als sicher, dass er mich meinte, als er mit dem Aufkommen des Computers für die Tageszeitung La Stampa den Artikel Der Schreiber verfasste (der später in Anderer Leute Berufe Eingang fand); darin ist die Rede von einem »befreundeten Literaten«, der das Dahinschwinden der »vornehmen Freuden des Philologen« beklagt, »der aufgrund der nacheinander gestrichenen und verbesserten Stellen den Weg nachzeichnen kann, der zur Vollendung von Leopardis Das Unendliche geführt hat«.

Auf die erste Arbeit folgten weitere, darunter vor allem mein Kritisches Porträt (von Levi, d. Ü.), das zwei Jahre später in der Literaturzeitschrift Belfagor erschien, zudem nicht wenige Rezensionen und Interviews. So kam es, dass er mich zu Rate zog, als er die Gedichtsammlung Zu ungewisser Stunde zu veröffentlichen gedachte – um nach einem anderen und ihm angemessenen Verlag Ausschau zu halten: Einaudi wurde seinerzeit von einer heftigen Krise heimgesucht, die auch andere Schriftsteller in die Diaspora getrieben hatte, so zum Beispiel Lalla Romano, die mit ihrem Roman Nei mari estremi zu Mondadori gegangen war. Ich empfahl ihm Garzanti, was auch tatsächlich klappte.

Levi war zurückhaltend, bescheiden, diskret und sehr freundlich. Und ich war nicht nur fasziniert von der Ausdruckskraft seines Schreibens, seiner vielschichtigen und detaillierten Kenntnisse, seinem exzellenten Gedächtnis, sondern auch von seiner Aufnahmefähigkeit und seiner unzweifelhaften und ganz besonderen Gabe, sich mit einer Genauigkeit und Schlichtheit des Wortes mitzuteilen, in dem dennoch eine Saite mitschwang, die nicht frei von einem gewissen melancholischen Nachhall war: Seine Fähigkeit, Wortgeschnörkel zu vermeiden und stattdessen sein Schreiben auf der gehaltvollen und edlen Nüchternheit der Sprache, auf der schlichten Eleganz der Wortdinglichkeit zu gründen.

Levi persönlich gekannt zu haben, bedeutet auch: In der geschriebenen Sprache die Feinstruktur seiner Sprechstimme wiederzuerkennen – antirhetorisch, aber nicht regungslos, familiär, doch beinahe feierlich, in gleichbleibender Tonalität, aber mit einem ihr eigenen expressiven Nerv.

Zwischen uns war eine Beziehung entstanden, die über klassische Freundlichkeit hinausging, was den Wechsel vom Sie zum Du gestattete und einige nicht gerade alltägliche Widmungen in den Büchern rechtfertigte, die er mir nach und nach zukommen ließ. Eine gewisse Vertrautheit hatte sich eingestellt, und im Zusammenspiel der Umstände entstand die Idee für diese Gespräche. Ich unterbreitete sie Levi in einem Moment, in dem mir schien, ihm damit eine Stütze anbieten zu können. Im ersten Augenblick hatte ich noch kein klares Ziel vor Augen, ganz sicher wandte ich jedoch ein von Levi weitläufig erprobtes und vielfach bekräftigtes Rezept an: »Erzählen ist ein probates Heilmittel.«

In seinem Interview mit Levi »Ich suche nach einer Lösung, aber ich finde sie nicht«5 sagt Ferdinando Camon, womöglich in Anspielung auf persönliche, später dann in einen Roman eingeflossene Erfahrungen, zu Levi: »Sie sind kein niedergeschlagener Mensch und machen auch keinen ängstlichen Eindruck.« Und der Schriftsteller, ob der unerwarteten Beobachtung offenkundig neugierig geworden, antwortet seinerseits mit einer Frage: »Gewinnen Sie diesen Eindruck aus meinen Büchern oder aufgrund meiner Erscheinung?« Darauf Camon prompt: »Aus Ihrer Erscheinung«, und erhält folgende Klarstellung: »Allgemein gesprochen haben Sie recht. Doch ich habe nach der Haft einige Episoden depressiver Krisen erlebt. Ich bin nicht sicher, daß sie mit jener Erfahrung zusammenhängen, denn sie traten jedes Mal unter einem anderen Etikett auf. Es wird Ihnen seltsam vorkommen, aber erst vor Kurzem habe ich eine durchgemacht, eine törichte, depressive Krise ohne schwerwiegendes Motiv. Ich hatte eine kleine Operation am Fuß, und die hat mir das Gefühl vermittelt, ich wäre plötzlich alt geworden. Es hat zwei Monate gedauert, bis die Wunde verheilt war. Darum habe ich Sie gefragt, ob der Eindruck bei Ihnen durch meine Erscheinung oder durch meine Bücher ausgelöst worden ist.«

Camons Gespräch mit Levi basiert auf mehreren Begegnungen, die zwischen 1982 und 1986 (das letzte an einem Sonntag Ende Mai 1986, weniger als ein Jahr vor seinem Tod) stattfanden. Und da es sich um ein thematisch geordnetes Gespräch handelt, lässt sich nur schwerlich sagen, ob die hier angeführte Erläuterung bei ihrem letzten Treffen geäußert worden war. Vermutlich schon, mit Sicherheit aber lässt sich das nicht sagen.

Wie auch immer die Dinge liegen, an Heiligabend 1986 machte ich Levi den Vorschlag, Material für eine Biografie vorzubereiten, die wir auf Anhieb eine »autorisierte« nannten. Ganz unvermittelt hatte ich bei ihm so etwas wie einen Riss in seinem Innern wahrgenommen, und, ich weiß nicht warum, es drängte mich mit einem Mal, ihm ein Projekt vorzuschlagen, an das ich, um ehrlich zu sein, bis zu diesem Zeitpunkt nur ganz entfernt gedacht hatte. So kam es, dass ich instinktiv den Umweg über die »autorisierte Biografie« wählte. Und Levi war zu meiner Überraschung sofort, ohne Wenn und Aber, einverstanden.

Deshalb begab ich mich im neuen Jahr, am Nachmittag des 12. Januar 1987, das kleine Aufnahmegerät in der Tasche, zu ihm nach Hause. Und da, die Eröffnung: »Hast du schon eine Gefechtsordnung im Kopf?« Und ich war gezwungen, ihm zu gestehen, dass ich keine Ordnung hatte, schon gar keine kämpferische, und ganz gewiss war von mir, wie Camon für sein Interview klarstellt, keine »organische Reihe von Fragen, Streitpunkten und Problemstellungen ausgearbeitet« worden, wobei Camon »darauf bedacht war, dass sie sich auf das gesamte Werk und das gesamte Leben bezogen.« Mein Ansinnen war hingegen – für den Moment – die größtmögliche Menge an Daten und Informationen zu sammeln. Wir legten keine Regeln oder Vorgehensweisen fest, bis auf die eine, uns einer groben zeitlichen Abfolge gemäß zu unterhalten, wobei das Augenmerk vorläufig mehr auf Fakten und Personen denn auf Problempunkte zu richten war: Die schlichte Vorgabe einer Wegstrecke, die in ihrem Verlauf selbst zu ihrer bestmöglichen Form finden würde.

Nach der ersten Begegnung kam es zu zwei weiteren, ebenfalls nachmittäglichen, die eine am 26. Januar, die andere am 8. Februar. Mehr als einmal schaltete ich das Aufnahmegerät ab, um es ihm leichter zu machen, Dinge zu äußern, die er nicht gerne auf Band festgehalten wissen wollte: Einige Male war er es, der mich darum bat, andere Male tat ich es von mir aus. Unsere Abmachungen waren im Übrigen klar. In einem besonders nahegehenden Moment unserer Gespräche war es Levi selbst, der mich gemahnte, dass seine Geständnisse erst noch zu »übersetzen« seien. Er sagte mir das zu einem Zeitpunkt, da er sich selbst explizit als »in einer Krise« befindlich erkannte: »Ich hatte es dir von Anfang an gesagt, es sind Geständnisse, die es zu übersetzen gilt«, anders gesagt, die nach einer Auslegung verlangen. Der wesentliche Unterschied zwischen unseren Unterredungen und anderen Interviews lag mehr im Ton als in den Inhalten, im Timbre, in der Gestik. Es mangelte nicht an der gewohnten Genauigkeit seiner Worte, aber in seiner Haltung ließ er streckenweise ein gewisses Nachlassen erkennen. Das zeigte sich auch darin, dass er mich am Ende des zweiten Treffens, anders als es unserer Gepflogenheit entsprach, die nur einen schlichten Händedruck vorsah, zum Abschied umarmte.

Nach der dritten Sitzung sagte er, wir müssten eine Unterbrechung machen, denn er habe sich einem stationären Eingriff zu unterziehen. So wie es eben seine Art war, mit einer freundlichen Bestimmtheit, die keinen Widerspruch duldete, untersagte er mir sowohl, ihn im Krankenhaus aufzusuchen, als auch seine Angehörigen anzurufen, um mich nach seinem Befinden zu erkundigen. Und ich hielt mich an die Anweisungen.

Vor dem Eingriff ging ich noch einmal zu ihm, denn ich wollte ihm meine soeben erschienene Anthologie bringen, für die ich die Erzählung Arsen aus Das periodische System ausgewählt hatte: Er kam mir nicht unzufrieden vor und berichtete mir, dass die Erzählung erst kürzlich ins Chinesische übersetzt worden sei. Ich traf ihn in Gesellschaft von Alberto Salmoni, just dem Freund Emilio aus Das periodische System. Aber es war ein Blitzbesuch, der sich auf der Türschwelle abspielte.

Als ich beschloss, mich wieder bei ihm zu melden, war es bereits April, Ostern stand vor der Tür. Gegen Mittag rief ich bei ihm an. Er nahm den Anruf selbst entgegen und seine Stimme klang warm und herzlich, ja er schien bester Laune. Noch bevor ich ihn darauf ansprechen konnte, verkündete er, bereit zu sein, »die Arbeit wieder aufzunehmen«. Nur sollten wir, legte er mir nahe, den kommenden Sonntag auslassen, da müsse er nämlich eine amerikanische Fotografin für einen Artikel empfangen. Und so verblieben wir, dass ich ihn in der darauffolgenden Woche wegen der Vereinbarungen anrufen würde, die zu treffen uns nicht mehr vergönnt sein sollte.

GIOVANNI TESIO

Mein Dank gebührt Maurizio Crosetti und Guido Davico Bonino, denn sie haben den Text gelesen, und Fabio Levi, der als Vermittler und Bürge fungiert hat.

Ich, der ich zu Euch spreche

Montag, 12. Januar

Hast du schon eine Gefechtsordnung im Kopf?

Ich würde in chronologischer Reihenfolge vorgehen, beginnend mit dem Erinnerungsschatz deiner Eltern, deines Vaters, deiner Mutter, woher sie kamen. Also, ich würde sagen, wir umreißen deine Familiensituation, die Großeltern beiderseits, wollen wir mit deinem Vater beginnen?Viele Dinge über meinen Vater weißt du bereits durch die Lektüre von Das periodische System, einiges kann ich noch hinzufügen. Früh schon, im Alter von nur vierundsechzig Jahren, ist er an einem Tumor gestorben. Er war ein Mann, der es verstanden hat –solange die Gesundheit mitspielte – das Leben zu genießen. Er war sehr wissbegierig, stets wollte er etwas dazulernen. Er reiste viel und sprach fließend Französisch und Deutsch. Im Alter von sechzig Jahren hat er sich nochmals hingesetzt und Englisch gelernt und seine Kenntnisse im Integralrechnen aufgefrischt, das er während seines Ingenieurstudiums gelernt hatte, aber jetzt übte er sich darin. Hin und wieder fallen mir zu Hause noch Zettel von ihm in die Hände, meistens mit Integralrechnungsaufgaben, gelöste und ungelöste.

Wohin reiste er?Zuerst bereiste er Frankreich und Belgien, dann hielt er sich viele Jahre in Ungarn, in Budapest auf.

Immer im Auftrag einer Firma?Ja. Während der Zeit des Ersten Weltkriegs war er in Italien geblieben, denn als Direktor einer Fabrik, die Kugellager herstellte, also von Interesse für die Kriegsführung war, galt er als unabkömmlich und war folglich vom Militärdienst befreit worden.

Wo befand sich die Fabrik?Soweit ich mich erinnere, in Turin, aber ich weiß nicht mehr genau, wie sie hieß. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs hat ihn in Budapest überrascht, aber anstatt ihn in ein Konzentrationslager6 zu stecken, wie es in anderen Zeiten geschehen wäre, haben sie ihn mit einem Ausweisungsbescheid auf ein Schiff nach Italien verbracht, und gesund und munter ist er hier gelandet. Seine Beziehungen zu Ungarn hat er aufrechterhalten. Er arbeitete für eine große Gesellschaft, einen Maschinen- und Kraftanlagenbauer, und war dort als Konstrukteur tätig. Dann, nach meiner und der Geburt meiner Schwester, wurde er zum Vertreter dieser Fabrik für das Piemont und Ligurien. Er hatte den Ingenieursberuf beinahe aufgegeben, aber als Vertreter hatte er die Oberaufsicht über die Montage dieser Vorrichtungen und bereiste dafür das gesamte Piemont und Ligurien.

Ein sehr umtriebiger Mensch.Er war ein sehr kurioser7 Mann, in beiderlei Hinsicht der Wortbedeutung: Neugierig, denn alles weckte seine Neugier, er las sehr viel; und eigenwillig war er, denn er war ein bon vivant. Gutes Essen bereitete ihm einen Riesengenuss. Er hat es nie zu wirklichem Reichtum gebracht. Hin und wieder war zu Hause die Rede davon, ein Automobil zu kaufen, doch damals war ein eigenes Auto noch etwas Märchenhaftes, und nie wurde eines gekauft.

Ihr wart aber doch eine wohlhabende Familie.Schon, ja, es gab einen maßvollen, vernünftigen Wohlstand. Wir hatten eine Haushälterin, andererseits war es damals ziemlich normal, eine feste Kraft im Haushalt zu beschäftigen. Sie kümmerte sich um alles, sie verehrte die Heilige Rita und unternahm zaghafte Versuche, uns zum Katholizismus zu bekehren. Sie war höflich und sehr friedlich.

Wollen wir nochmals auf deinen Vater zu sprechen kommen?Mein Vater war bekannt für allerlei Anekdoten, für seine Jacketts, für seine Bücher, und weil er den Rechnungsbetrag für den Schinken auf der Waage mit dem Rechenschieber nachrechnete. Der Wurstverkäufer in Cogne, der zugesehen hatte, wie er damit im Handumdrehen eine blitzschnelle Multiplikation zur Rechnungsprüfung durchgeführt hatte, war neugierig geworden und hatte sich so ein Ding aus Aosta besorgen lassen. Dann hatte er sich bei meinem Vater beschwert: »Meiner funktioniert aber gar nicht!« In der Tat ist es nicht einfach, damit umzugehen, es handelt sich um ein antiquiertes Stück, etwas aus der Zeit vor vierzig Jahren, heute ist der Rechenschieber ein archaisches Instrument. Den meines Vaters habe ich noch immer.

Als Andenken?Nein, wenn es darum geht, mal rasch eine ungefähre Multiplikation zu machen, ist man mit dem Rechenschieber schneller als mit der Rechenmaschine.

Wie sah dein Vater aus?Er war klein, untersetzt, sehr kräftig. Er prahlte damit, nie in seinem Leben beim Zahnarzt gewesen zu sein. Nie hat er Sport getrieben, gleichwohl war er eine stattliche Erscheinung. Er besaß von Natur aus einfach eine gute Konstitution.

So über die äußere Gestalt deines Vaters sprechend, kommt mir in den Sinn, dass du ja gar nicht in jüdischer Religion unterwiesen wurdest?Es war ein Mittelding. Mein Vater war sehr unschlüssig, wie wenig er das auch zugab. Er war bei einem Rabbi in Pension gewesen und hatte insofern etwas aufgesogen. Vor allem aber hatte er das jüdische Ritual übernommen. Er hatte gewisse Skrupel, Schinken zu essen, aß ihn aber trotzdem. Einige wenige Male, ich erinnere mich, hat er mich zu Jom Kippur in die Synagoge begleitet. Er fastete, was bedeutete, er ließ das Frühstück aus, dann aber, zu Mittag, speiste er, insofern würde ich sagen, er war, was die Religion im strengeren Sinn angeht, vor allem ein Antitraditionalist. Auch im Gespräch schwätzte er nicht einfach so darüber. Ich erinnere mich noch, ich war vielleicht vier Jahre alt, als er zu mir sagte: »Wir sind Juden.« Ich habe ihn gefragt, was das zu bedeuten hätte, und er hielt mir einen Vortrag, den ich nicht verstand, und ich verband das Wort »Juden« mit dem Wort »Bücher«. Noch heute existiert für mich eine fälschliche etymologische Verbindung zwischen libri (Bücher) und ebrei (Juden), ich würde sagen, es ist eine etymologische Fehlleistung.

Aber ein gewisser Gleichklang besteht …Das ist kein zufälliger Gleichklang, denn die Juden sind das Volk des Buchs. Alles Dinge, derer ich mir damals nicht bewusst war, vielleicht nicht einmal mein Vater. Gewiss, mein Vater hat mich nie gedrängt, mein Jude-Sein, zum Beispiel in der Schule, besonders herauszukehren. Sowohl meine Eltern als auch die Lehrerin hatten mich dahingehend ermahnt. Seinerzeit war es in den Grundschulen Pflicht, dass sich alle Schüler vor Unterrichtsbeginn erhoben und im Stehen das Vaterunser aufsagten. Und ich stand auf, ohne das Vaterunser mitzusprechen. Ich erinnere mich noch an die Lehrerin, die mir mit einer sanften Berührung bedeutete, dass sie meine Respektsbezeugung vor der Mehrheitsreligion zu schätzen wusste. Und wenn dann die Religionsstunde kam, waren ich und ein anderer Junge, der zur protestantischen Waldenser Kirche gehörte, angehalten, rauszugehen, und bis zum Ende der Unterrichtsstunde mussten wir uns im Korridor auf einer Bank langweilen.

War das nur langweilig oder hatte es auch etwas Diskriminierendes?Es war nur langweilig, nicht diskriminierend.

Waren deine Beziehungen zu deinen Klassenkameraden in der Grundschule normal?In der Grundschule völlig normal.

Wohingegen später dannEben, das wollte ich noch vorausschicken: Das Judentum als Religion wurde mir nicht vermittelt; das Judentum als Lebensform auf gewisse Weise schon, denn vermutlich ist diese Fähigkeit meines Vaters, unterschiedslos alles zu lesen und sich alles Interessante anzueignen, ein jüdisches Vermächtnis, und das teilte er sich mit seinen zwei Brüdern, die ganz anders waren als er. Und doch stibitzten sich alle drei gegenseitig die Bücher, berichteten einander, welches interessante Buch erschienen war, lasen französische Bücher im Original. Mein Vater las auch auf Deutsch, er hatte sich in den Kopf gesetzt, Schopenhauer im Original zu lesen, ohne viel zu begreifen, ihm fehlte dazu einfach die Voraussetzung. Er hatte nur eine technische Berufsschule besucht, war nicht auf dem Gymnasium8 gewesen – von Schopenhauer konnte er nicht viel verstehen.

Trotzdem wollte er es unbedingt.Sicher, er hatte diese große Begierde. Ich erinnere mich daran, denn tatsächlich war er auch ein wenig ein Weiberheld.

Ein »bon vivant« in jeder Hinsicht.Ja, er versuchte die Freundinnen meiner Mutter zu verführen, indem er ihnen etwas von Schopenhauer erzählte, mit geringem Erfolg. Sie lachten hinter seinem Rücken über ihn und hielten ihn für ein wenig fanatisch. Er hatte eine Entdeckung gemacht: Erinnerst du dich an das Giornalino di Gian Burrasca von Vamba9? Es ist ein Plagiat. Schon komisch, dass es bisher niemandem aufgefallen ist, denn noch bevor Il Giornalino di Gian Burrasca erschienen war, las er uns auf Italienisch dessen deutsches Gegenstück vor. Es gab ein solches Werk, den Titel erinnere ich leider nicht mehr, nur noch einige Worte: Es war die Geschichte eines ungezogenen Jungen, aber es war fast wörtlich die Entsprechung des Giornalino di Gian Burrasca. Es wäre sicherlich verdienstvoll, eine kleine Nachforschung dazu anzustellen. Ich erinnere mich nur noch an das Wort Bube10. Meine Schwester und ich sagten: »Papa, lies uns Bube vor.« Und simultan übersetzend las er uns vor.

Von Plagiat hat er euch gegenüber gesprochen?Als das Giornalino di Gian Burrasca erschien11, hat er zu uns gesagt: »Aber das ist ja kopiert!«

Eine sehr sympathische Person, dein Vater. Viele fanden ihn sympathisch, ja eigentlich alle, mit denen ich gesprochen habe. Zu mir war das Verhältnis recht dürftig. Er war nicht das, was man einen aufmerksamen und besonders liebevollen Vater nennt. Er war stolz auf meine schulischen Leistungen, aber die Vater-Sohn-Beziehung im eigentlichen Sinn, also eine, die auf Beschützen, Lenken, Teilnahme gründet, war eher blass.

Also hast du nicht viele Erinnerungen an ihn als Vater.Als er starb, war ich einundzwanzig Jahre alt. Nein, falsch, es war das Jahr 1942, also war ich dreiundzwanzig. Ich habe keinen großen Schmerz darüber verspürt.

Kam es vor, dass ihr gemeinsame Spaziergänge unternahmt?Nein, er hasste Spazierengehen, er war ein echter Stadtmensch, ein urbanes Geschöpf. Er führte uns aus, aber über die Via Po. Mit uns einen Ausflug ins Grüne zu machen, wäre ihm nie und nimmer in den Sinn gekommen. Ländliche Gegenden mochte er nicht, die Natur interessierte ihn nicht. Wenn er an den gewohnten Orten wie Bardonecchia, Meana, Torre Pellice zu uns in die Sommerfrische kam, dann überließ er sich ganz der Lektüre oder spielte Karten. Er brachte uns bei, die Tarotkarten zu legen, und verlangte, dass wir das gemeinsam machten; wir taten es, aber mit geringer Begeisterung.

Zumindest habt ihr seinem Wunsch Folge geleistet …Er brachte uns die Spiele seiner Kindheit bei. Er hatte einen Kreisel gekauft und uns gezeigt, wie man damit umgeht, wie man den Kreisel tanzen lässt; es ist nicht einfach, die Kreisel der anderen mit der Kreiselpeitsche zu traktieren. Er hatte uns gezeigt, wie man aus einem Holunderast ein s-ciopèt12, eine Donnerbüchse, bastelt.

Wie funktioniert so ein s-ciopèt?Es ist ein ausgehöhlter Holunderast, in den zwei Ladungen eingeführt werden, die eine fungiert als Projektil, die andere als Kompressor, und letzteren presst man in den ausgehöhlten Ast, bis das Projektil losschießt.

Er war kein wirklich berechenbarer Mann.Er war recht infantil. Ich glaube nicht, dass er meiner Mutter ein guter Ehemann war. Er war mondän, ihm gefiel es, in Gesellschaft zu sein, ins Theater zu gehen. Meine Mutter hingegen war sehr verschlossen, sie war fünfzehn Jahre jünger als er.13

Aber ihre Ehe (bitte verzeih, die Frage dürfte dir indiskret erscheinen), war sie eine arrangierte?Ja, sie war von gemeinsamen Verwandten arrangiert. Mein Vater war ein Mann von Welt, wie es so schön heißt, und stand am Anfang einer vielversprechenden Karriere, die er tatsächlich auch gemacht hat. Meine Mutter war äußerst konservativ erzogen. Ich kann dir nicht sagen, ob sie jemals dem Charme dieses ach so brillanten Ingenieurs erlegen ist. Vermutlich ja, denn sie war ein junges Ding, er ein welterfahrener Mann.

Auf alle Fälle hat deine Mutter nie mit dir über ihn gesprochen.Nein, nie.

Kommen wir noch einmal einen Moment auf deine religiöse Erziehung zurück: War die Haltung deiner Mutter darin eine andere? War sie mehr darauf aus, die jüdischen Traditionen zu achten?An den Traditionen im Allgemeinen hielt sie schon fest, nicht aber unbedingt an den religiösen.

Also nicht einmal sie stammte aus einer strenggläubigen Familie?Es ist seltsam. Mein Großvater mütterlicherseits war auch in religiöser Hinsicht ein traditionsverbundener Mann, er ging in den Tempel und zelebrierte die Feste. Seltsamerweise hat meine Mutter nichts davon abbekommen, doch du weißt ja selbst, dass Frauen im Judentum wenig zählen, an sie wird nicht viel weitergegeben.

Wenn es überhaupt Sinn macht, dir diese Frage zu stellen – wer hat mehr auf dich eingewirkt?Ganz sicher meine Mutter, mehr als mein Vater.

War sie präsenter?Ich würde behaupten, genetisch bin ich von meinem Vater geprägt, er hat mir eine gewisse Wissbegierde, auch mit ihm als Vorbild, mitgegeben. Er hat mir viele Bücher besorgt. Ich brauchte mir nur eines zu wünschen, schon hielt ich es in Händen. Von meiner Mutter muss ich eine gewisse Bedächtigkeit geerbt haben, aber mir fällt es schwer, über diese Dinge zu reden. Meine Mutter lebt ja noch

Es ist nicht zwingend nötig, dass wir darüber reden.Überdies sind das Dinge, die man als Außenstehender besser erkennt. Nun, meine Mutter und ich stehen im Ruf einer gewissen Klugheit, ich weiß nicht, ob auch verdientermaßen, ich will nicht übertreiben. Mein Vater neigte zur Selbstüberschätzung. Auf der anderen Seite wüsste ich nicht zu erklären, warum ich mich zum Beispiel, ohne jemals die Gipfel zu erreichen, dem Alpinismus verschrieben hatte, und das auf völlig sinnlose, halsbrecherische Weise. Ich weiß nicht, von wem ich das habe, vielmehr, da fällt mir wieder ein, mein Vater und meine Mutter haben das ganz und gar missbilligt. Es war meinerseits ein Trotzverhalten, eine Rebellion …

War dir da nicht auch ein wenig Verrücktheit, vielleicht in abgemilderter Form, von deinen Vorfahren mit auf den Weg gegeben?Ja, mag sein, dass das von weither kommt. Aber die, die ich kennengelernt habe, waren nicht so, von den anderen ist mir da etwas zu Ohren gekommen. Beachte bitte – du weißt das ja – dass die Vorfahren, die ich als solche beschrieben habe14, Vorfahren in einem sehr weit gefassten Sinne waren, denn ich habe mir auch Vorfahren von anderen ausgeliehen, die zur Gemeinschaft, zur ha keillah gehören.

Wollen wir ein wenig über deine Großeltern väterlicherseits sprechen?Meinen Großvater väterlicherseits habe ich nie kennengelernt. Er hat Selbstmord begangen, ich weiß nicht, unter welchen Umständen, ob wegen eines finanziellen Desasters. Ich trage seinen Vornamen, denn ich heiße wie er Michele.

Michele?Ja, Primo Michele, ich habe zwei Vornamen. Ich weiß nichts über ihn. Ich habe eine Porträtaufnahme von ihm gefunden und seine Examensarbeit. Auch er war Ingenieur.

Das ist ja eine Familientradition.Das periodische System